Predigt vom 8. Februar 2009
Geschrieben von: P. Hans-Georg Löffler,ofm   

Liebe Schwestern und Brüder,

ist wirklich nur ein Scherbenhaufen nach aller Empörung über die Entscheidung Papst Benedikts, die Exk ommunikation der reaktionären Piusbruderschaft aufzuheben, übrig geblieben?

Unverständnis, Irritation, Verärgerung beschäftigen Gesellschaft und Kirche vor allem, weil zumindest ein Vertreter dieser Gruppierung den Holocaust in einem Fernsehinterview geleugnet hatte.

In den vergangenen Tagen die Berichterstattung über den Papst und die katholische Kirche in den Medien zu verfolgen - hat weh getan, nicht nur wegen teilweise schlechter Recherchen, überzogener Emotionalisierungen oder Unterstellungen sondern gerade auch weil offenkundig wurde, dass es unter dem weltweiten Dach der katholischen Kirche Denkansätze und Strömungen gibt, die aufgeklärten, verantwortungsvollen Menschen in Kirche und Gesellschaft so abstrus erscheinen, so fern, dass sie sich mit solch verworrenem Gedankengut nicht identifizieren wollen und können. Wer sich dann, durch die scharfe öffentliche Auseinandersetzung angeregt, einmal auf die dort angesprochenen entsprechenden Internetseiten begab (z.B.: http://www.kreuz.net) konnte nur erschrocken staunen über die Fülle von Meinungen mit streckenweise krankhaften Zügen, die mit einem heutigen katholischen Verständnis von Leben und Religion unvereinbar sind.


 

Die katholische Kirche ist kein Brutkasten für Antisemitismus, Frauen- oder Fremdenfeindlichkeit, sie ist keine rückwärtsgewandte, realtiäts- oder weltfremde Organisation! Die Erkenntnisse und Beschlüsse des zweiten Vatikanischen Konzils, die vielen Schritte, die in der Ökumene und im interreligiösen Dialog gesetzt wurden lassen daran keinen Zweifel - und auch Papst Benedikt XVI. will und kann vor diese nicht zurück.

Schuldfragen werden gestellt - wer hat was gewusst, wer hätte wie reagieren müssen?
Menschen wurden enttäuscht und verunsichert - Menschen haben die Gemeinschaft der Kirche verlassen. Das bekümmert.

Was bleibt jetzt?
Ist wirklich nur ein Scherbenhaufen zurückgeblieben?

Ich sehe die Chance in dieser zwar ungewollten aber doch gegebenen Situation darin, dass eine übergreifende Diskussion über die Katholische Kirche überhaupt stattfindet - dass Katholische Kirche sich inhaltlich klar positioniert, dass sich die Bischöfe Deutschlands, die in großer Zahl in den Medien zu Wort kamen, klar geäußert haben, dass sie sich eindeutig zu den Aussagen und Errungenschaften des II. Vaticanums bekannt haben und somit versuchen konnten, aufzuräumen mit vielen Klischees, die die Köpfe mancher Mitmenschen immer noch besetzen und sich durch solche Geschehnisse bestätigt fühlen: wir wollen nicht nach hinten schauen; wir wollen einen Platz in dieser Welt einnehmen und uns in die Belange der Menschen unserer Zeit mit unseren Möglichkeiten einbringen, mit einem Engagement, das aus unserem Glauben erwächst, damit Leben gelingt.
Wie wichtig und wertvoll war es in den vergangenen Tagen von so vielen „Laien", in den Medien zu hören oder zu lesen, dass sie die Katholische Kirche als eine Kirche in der Gegenwart gestalten wollen - dass sie sich abgrenzen und es nicht tolerieren wollen, wenn Minderheiten in ihr versuchen, zu einer Kirchen- und Weltsicht zurück zu kehren, die mit den Grundlagen des katholischen Selbstverständnisses nicht vereinbar sind. Wertvoll, weil gerade die „Laien" in ihren Aussagen unmissverständlich deutlich machten: Hier brauchen wir mehr als verbale Absichtserklärungen und Beteuerungen - hier brauchen wir verlässliche Signale, die nicht nur von kirchlichen Insidern verstanden werden.

Die kritische Diskussion der letzten Tage innerhalb der Kirche hat für mich einen nicht zu unterschätzenden Wert - sie hat gezeigt, dass die Katholische Kirche von heute nicht statisch funktioniert, sondern ein dynamischer Organismus ist! „roma locuta, causa finita" - „Rom hat gesprochen, der Fall ist beendet/abgeschlossen" - funktioniert in einer Kommunikationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht mehr.
Das mag der Vatikan als Aufgabe aus dieser Entwicklung mitnehmen.

Ich wiederhole mich, diese Krise in der Kirche, die wir in den letzten Tagen miterlebt haben - hat auch geschmerzt. Aber jede Krise bringt Läuterung - in zwischenmenschlichen Beziehungen, in ökonomischen Prozessen, in gesellschaftlichen Entwicklungen - wenn sie als Krise ernst genommen und angenommen wird.
Diese Chance sollte die Kirche nicht ungenutzt lassen - und wenn ich die Reaktionen der deutschen Bischöfe richtig deute, dann werden sie sich dafür einsetzen, dass diese Chance nicht vertan wird: aus Fehlern zu lernen, Kommunikation zu verbessern, demütiger zu werden - der kritischen Welt zu zeigen, dass sie lern-willig und lern-fähig ist.

Ob Menschen ihr diese Chance geben?
Ob wir bereit sind, Rede und Antwort zu stehen? Was hält mich noch in dieser Kirche?

 

P. Hans-Georg Löffler, ofm

 
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