Predigt vom 3. Fastensonntag
Geschrieben von: P. Hans-Georg Löffler,ofm   

Schwestern und Brüder!
Gewalt ist Teil unseres Lebens.
Spuren von Gewalt ziehen sich durch die Geschichte - wir entdecken sie in der Geschichte der Menschheitsfamilie, im Leben von Völkern oder in einzelnen Schicksalen.
Durch die Fülle der Medien- und Kommunikationsmöglichkeiten werden wir heute immer wieder über gewalttätige Akte informiert.
Manches berührt uns tief, wie das schreckliche Geschehen in Winnenden in den vergangenen Tagen, wie andere grausame Amokläufe oder Selbstmordattentate, denen immer wieder unbeteiligte Menschen zum Opfer fallen und durch die unsägliches Leid über Familien und Freundeskreise gebracht wird. Sie berühren, machen sprachlos und fassungslos - weil sie so unfassbar sind! Weil wir es nicht nachvollziehen können, wie ein Mensch zu einer solchen Tat fähig ist.
Und es scheint das das Dilemma des heutigen Menschen zu sein, dass er erst dann hellhörig wird, wenn ihm durch eine solche Tat die eigene Ausgesetztheit und Hilflosigkeit dramatisch vor Augen geführt wird. - Als würde er wachgerüttelt, aufgeschreckt aus dem „Schlaf der Sicherheit", denn „Winnenden", „Erfurt", Bombenattentate von Madrid oder London - sie können überall geschehen. Ich kann immer am falschen Ort zur falschen Zeit sein.

Manche versuchen, zu ergründen, sie wollen verstehen, erklären was in solchen Menschen - Tätern - vorgeht: wie sehr muss eine Seele verletzt sein, dass sich Enttäuschung, Hass und Lebensmüdigkeit in solch massiver Gewaltanwendung entladen? Die Frage nach „Schuld" wird gestellt, wer prägt die Entwicklung eines Menschen - Familie, Umfeld, Medien? - was wurde verpasst, was versäumt? Eine nachvollziehbare Frage: wenn ich Schuld zu weisen kann, dann kann ich auch „Gerechtigkeit" einfordern!
Aber auf diese Frage gibt es nicht die erhoffte Antwort!
Denn der Mensch ist im letzten nicht berechenbar; bei allem Guten, was einem Menschen mit ins Leben gegeben werden kann, es gibt keine Garantie ob sich ein Mensch im innersten seines Herzens nicht doch in eine ganz andere Richtung entwickelt.
Ratlosigkeit klingt durch die Frage hindurch - hätten wir etwas „bemerken" müssen, hätten wir handeln, konkret diesen jungen Menschen von seiner Tat abhalten können?
Wir wissen die Antwort nicht - und viele andere, die sich zu Wort melden kennen sie auch nicht oder nicht eindeutig!

Liebe Schwestern und Brüder,
Eltern, deren Kind ich gestern taufen durfte haben sich folgenden Taufspruch ausgesucht:
„Wir können Kinder nach unserem Sinne nicht formen. So wie Gott sie uns gab, so muss man sie haben und lieben!"

Bei all den vielen Aussagen, die im Zusammenhang des Geschehens von Winnenden gemacht werden glaube ich ist eines fraglos: wir dürfen nicht aufhören, zu lieben!
In Liebe, mit Wohlwollen, mit Vertrauen, mit Empathie Menschen zu begegnen - das muss ein Lernziel bleiben, das um des Menschen willen niemals aufgegeben werden darf!
Aber wo kann ein Mensch das noch lernen - wo ist es noch möglich, in dieser Gesellschaft aus solch einem Ansatz zu leben - ohne ausgelacht zu werden, ohne ausgenutzt zu werden, ohne als „dumm" abgestempelt zu werden, wenn ich gern anderen Gutes tue, wenn ich nicht allein mein Wohlergehen verfolge, sondern auch meinen Nachbarn, meinen Nächsten im Blick habe - und mir nicht zu schade bin, mich für die Schwachen ein zu setzen?

Lehrt die Kinder, lehrt die Jugendlichen zu lieben - indem IHR ihnen Liebe schenkt: Vertrauen, Interesse, Zeit, Möglichkeit zu Korrektur und Weiterentwicklung - nehmt sie an, wie sie „von Gott geliebt und gegeben" sind - überfrachtet sie nicht mit Erwartungen.
Gebt ihre Erziehung nicht leichtfertig in den Kindergärten und Schulen ab, sondern helft IHR ihnen mit Geduld ihre Lebensspur zu entdecken; ermutigt sie, ihren Weg zu gehen: ermutigt sie zu innerer Freiheit, zu einem kritischen Blick auf die Fülle der Angebote, damit sie nicht abhängig werden von den Verführungen zu vermeintlichem Glück, zu vermeintlicher Freiheit, zu vermeintlichem Reichtum.
Verführt sie zum Guten!
Verlockt sie zu den Werten, die das Leben wahrhaftig lebenswerter machen und glücklicher und gelassener, erfolgreicher auf einer ganz anderen Ebene.

Warum sollten Menschen nur zum Bösen verführt werden können?

Führt die Kinder zum Glauben an einen Gott, der sie liebt; erinnert die Jugendlichen an diesen Gott, der Orientierung und Halt schenkt in emotional-stürmischen Zeiten; lasst IHN Eure Herzen erfüllen und leiten im Blick auf das Leben, auf das Miteinander, auf Erfolge und Scheitern - haltet an IHM fest - und er wird Euch Halt sein.

Schwestern und Brüder,
das Leid, das in Winnenden über viele Menschen in die betroffenen Familien und Freundeskreise, der Opfer und des Täters, gekommen ist ist in Worten nicht fassbar.
Da werden Gebete zu Zeichen einer inneren Verbundenheit, einer Vernetzung auf einer ganz anderen Ebene.

 
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