1. Adventssonntag
Geschrieben von: P. Hans-Georg Löffler OFM   
Liebe Schwestern und Brüder,
ein schwieriges Evangelium wird uns zu Beginn der Adventszeit zugemutet - aus dem Lukasevangelium ist es genommen - aus einem der letzten Kapitel. Die Leseordnung der Kirche setzt dieses mal nicht an bei der Verkündigung durch den Engel, nicht bei dem Besuch Mariens bei Elisabeth sondern wenige Verse nur vor dem Bericht der beginnenden Verfolgung Jesu durch den Hohen Rat: „die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus (unauffällig) zu beseitigen; denn sie fürchteten sich vor dem Volk."
Ein Einstieg in den Advent, der nicht so richtig „behagen" will, er ist nicht geschmeidig - er passt nicht in den Aufbau der Stimmung, wie wir ihn in vielen Geschäften und Lokalen oder auch zuhause derzeit erfahren mit Kerzenglanz und adventlich-vorweihnachtlicher Musik.

Und man ist versucht, schnell drüber hinweg zu gehen.

Beim zweiten Blick auf die Texte des heutigen Sonntags kann ich einen roten Faden erkennen, der einen anderen Akzent des Advent betont - „adventus domini" im Wortsinn:
"die Wiederkunft des Herrn", des Herrn, dessen Name „Gerechtigkeit" lautet, der für Recht und Gerechtigkeit sorgen wird.
Deshalb, so Paulus an die Thessalonicher, lebt entsprechend, richtet Euch nach dem aus, was ihr in Eurem Glauben bekennt; werdet reich, nicht an irdischen Gütern, nicht an den Dingen, die nur in dieser Welt Bestand haben und so schnell zerfallen, vergehen können - werdet reich an „Liebe zu einander und zu allen"!
Dann könnt Ihr, wenn die Zeichen sichtbar werden, wenn es wirklich diesen Tag der endgültigen Wiederkehr unseres Gottes gibt, gelassen, ja froh, ohne Angst und mit erhobenem Haupt, Christus entgegen gehen können.

Was für ein kraftvolles Bild!
Nicht die Erwartung eines unschuldigen, scheinbar harmlosen „Kindleins" in der Krippe wird hier in den Blick genommen, dessen Geburt wir auch in diesem Jahr wieder entgegengehen und an Weihnachten feiern, mit großer Freude und innerer Dankbarkeit für all das, was uns dieses Fest beutet. Es ist die Erinnerung an einen anderen „Advent".
Durch die Zumutung aus dem heutigen Evangelium werden wir gemahnt: verharmlost Gott nicht! Verniedlicht das Kind in der Krippe nicht! Nehmt Gott ernst!
Gott ist Gott - und Gott bleibt Gott - und Gott lässt sich nicht vereinnahmen, Gott lässt sich nicht manipulieren!

Das Evangelium nimmt eine Dynamik auf, die uns Christen als adventliche Menschen ausmacht: wir gehen auf ihn zu - und Gott kommt uns entgegen.
Und es setzt die Erwartung auf unseren Gott in eine Zeitgleiche: wir erwarten die Geburt unseres Gottes, der in diesem Jesus von Nazareth gezeigt hat, was es bedeutet, dass Gott „Gerechtigkeit" ist:
"Barmherzigkeit will ich - nicht Opfer!"
„ Das Gesetz ist für den Menschen da - nicht der Mensch für das Gesetz!"
„Wenn Du weißt, dass Dein Bruder etwas gegen Dich hat, dann geh' und versöhne Dich mit ihm und dann tritt an den Altar!"
„Wer viel liebt, dem wird auch viel vergeben!"
Für diese Gerechtigkeit ist unser Gott, Christus, ans Kreuz gegangen - weil das Dunkel ihn nicht aufnahm, weil er nicht verstanden wurde, der Heilige Franziskus sagte: „weil die Liebe nicht geliebt wird!"

Es ist so bedauerlich, dass frühere Generationen mit diesem Gedanken der Wiederkunft Gottes in Angst und eine unselige Furcht vor Gott gedrängt wurden. „Habe ich genug getan?", „werde ich IHM genügen?", „kann ich vor IHM Bestand haben?".
Der Mensch, der glaubt, der Mensch, der sich vertrauend immer neu auf die Suche nach Gottes Spuren in seinem Alltag macht, mit aller Überzeugung, mancher Gewissheit, mit Fragen oder gar Zweifeln, weil er die Pläne Gottes nicht lesen kann, nicht verstehen kann, weil ihm der Glaube an einen guten, liebenden Gott zwischen den Fingern zerrinnt angesichts der Brutalität und Selbstverliebtheit der Menschen - er soll aus Gottes Liebe herausfallen?
„Herr, ich glaube - hilf meinem Unglauben!"
Wie groß wäre dieser Gott, dessen Namen „Gerechtigkeit" ist, wenn er nicht in der Lage wäre, die verschlüsselte Sprache meines Herzens zu entziffern?

Lasst nicht zu, dass „Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch verwirren"
Ein schöner Vergleich: die Sorgen des Alltags werden Rausch und Trunkenheit gleichgestellt. Sie verhindern einen klaren Kopf, reduzieren die Wahrnehmungsfähigkeit, verstellen den Blick auf die Wirklichkeit. Deshalb wachet und betet, hört auf die Stimme des Herzens!
Die Aufforderung, der Aufruf, die Einladung, die Zeit des Advent sinnvoll zu nutzen. Der erwarteten Ankunft unseres Gottes im Alltag des Lebens den Weg zu bereiten, wach zu sein wenn er kommt, dass er einen Platz findet, Einlass, wenn er anklopft. Gönnt Euch die Zeit - das ist Advent!

Lassen Sie mich schließen mit einem Gedanken von John Henry Newman:
„Der ist wach für Christus, der ein empfindendes, sehnsüchtiges und fühlendes Herz besitzt; der wach, lebendig, hellsichtig, eifrig darauf bedacht ist, IHN zu suchen und zu ehren, der in allem, was geschieht, nach IHM ausschaut und nicht überrascht, nicht über-erregt oder überwältigt wäre, wenn er entdeckte, dass er plötzlich käme."
Komm, Herr Jesus, komm. Amen.

 
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