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Liebe Schwestern und Brüder, während wir gewohnt sind, an Weihnachten vom vordergründig sichtbaren, wenngleich nie restlos begreifbaren Erscheinen Jesu in dieser Welt zu hören - Verkündigung, Geburt, Anbetung der Hirten und der drei heiligen Könige - führt uns der Prolog des Johannesevangeliums in das Herzgeheimnis den unendlichen Gottes ein. Das im Griechischen vieldeutige Wort "logos" wird mit "Wort" übersetzt „im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort". Es steht für den Sohn Gottes, der selbst Gott ist und in diese Welt kommt, um „Mensch" zu werden, unser Bruder.
Johannes bleibt nicht bei einer Schilderung deines innergöttlichen Geheimnisses, sondern er wendet sich dem Schicksal dieses Sohnes Gottes zu, das von Anfang an auf Widerstand und Unverständnis stößt. Es muss sich als Licht der Welt entgegen stellen - aber: "Die Finsternis hat es nicht ergriffen". Es ist der johannäische Dualismus, der den Kampf zwischen Licht und Finsternis, hell und dunkel, gut und böse beschreibt. Die Finsternisse aller Zeiten haben verschiedene Gesichter. Einig sind sie sich darin, dass sie die Finsternis mehr lieben als das Licht.
Ein eigenwilliges Phänomen: das Licht kommt in die Welt - in Sein Eigentum - und die Welt erkennt es nicht und nimmt es nicht auf. Die Finsternis hat ihren eigenen Reiz. Gibt es ihn überhaupt, diesen Gott, fragt sie - ist er nicht eine „Erfindung" von Mächtigen, um die einfachen Menschen, die Mehrheit der Menschen, gefügig zu machen, sie zu unterdrücken, klein zu halten? Um naturwissenschaftliche oder psycho-logische, heute verständliche, Zusammenhänge theologisch zu überhöhen, damit Menschen nicht zu einem freien Denken geführt werden, denn freies Denken ist gefährlich - vor allem für Mächtige? Etwas, das bis heute gilt - würden wir als Kirche die Menschen lehren, nicht fromm-obrigkeitshörig zu leben, sondern aufgeklärt, erwachsen - kaum einer würde sich weiter gefallen lassen, was in unserer Gesellschaft läuft: Freiheit und Toleranz wird gerufen - aber so manipuliert, so irregeführt wie in dieser Zeit waren wir wohl schon lange nicht mehr. Wo ist das Licht, das uns in wirtschaftlich und politisch schwerer Zeit einen gehbaren, sinnvollen, verträglichen Weg weist? Wo ist das Licht, das Menschen verlockt, Mensch zu werden - und ihn Mensch sein läßt? Wo ist das Licht, in dem Wahrhaftigkeit und Verbindlichkeit aufleuchten?
Finsternis beschreibt eine Haltung, eine Einstellung - sehenden Auges das Geringere zu wählen, weil es einfacher ist; sich mit dem „Billigeren" zufrieden zu geben, mit dem, was vermeintlich leichter zum Ziel führt. Die Versuchung, sich vom Phänomen der Finsternis beeinflussen zu lassen ist groß - und der Schritt in dieses System von Selbstgerechtigkeit, Bequemlichkeit, Behaglichkeit ist so klein, so verlockend.
Sind wir schon am Ziel, „Mensch" zu werden? Oder befinden wir uns gerade in einer Phase der Stagnation? Welche Themen - außer den wirtschaftlich dominierten - bestimmen unser gesellschaftliches Interesse? Wo wird über den Menschen nachgedacht - über gesellschaftliche Modelle und Ziele? Wo wollen wir hin?
Liebe Schwestern und Brüder, das Wort wird Fleisch - und es will weiter Fleisch werden, will sich inkarnieren - will geerdet werden! Hohe philosophische Reden, wohlklingende und wohlmeinende Worte müssen ihre Erdung finden im täglichen Leben - im Umgang miteinander, im Einklang von Glauben und Leben, der Heilige Franziskus sagt: sodass das Wort des Glaubens mit dem gelebten Leben übereinstimmt. Das ist unser Zeugnis - das ist unser Beitrag in dieser konkreten Zeit und Gesellschaft, da wird Gottes Wort - Lebensbrot, das ich verkosten kann, das Kraft gibt, so manchen menschenverachtenden Entwicklungen entgegen zu treten!
Was bewirkte das göttliche Wort „Jesus" in seiner Zeit? Es pro-vozierte - ER provozierte! Das göttliche Wort, „Jesus", will auch heute provozieren - entlarven - aufrütteln - weil so viel mehr im Menschen steckt - weil wir an einer Gesellschaft mitarbeiten können, in der alle Platz und Stimme haben können - gerade der christliche Ansatz müsste einen vorurteilsfreien Blick auf andere Religionen und Weltanschauungen ermöglichen - wenn wir uns nicht gefangen nehmen lassen vom alten Spiel: wer hat Recht - wer hat Macht?! Eine Gesellschaft, die sich vom christlichen Ansatz leiten lässt bietet den gesunden Boden für eine Einheit in Vielfalt.
Liebe Schwestern und Brüder, ich will mich nicht mit dem „Geringeren", dem „Billigen" zufrieden geben - weil ich daran glaube, dass das Leben noch mehr bietet, dass das Licht, das uns in Jesus aufgeleuchtet ist auch heute noch etwas bewegen kann - vielleicht zuerst mehr in mir selbst als in anderen - aber gemeinsam vieles zum Wohl aller. Beten wir mit John Henry Newman:
„Führ' göttliches Licht, im Ring der Finsternis, führe Du mich an! Die Nacht ist tief, noch ist die Heimat weit, führ' Du mich an! Behüte Du den Fuß: der fernen Bilder Zug begehr' ich nicht zu sehen - ein Schritt ist mir genug. Ich war nicht immer so - hab nicht gewusst zu bitten: Führ Du mich an! Den Weg zu schauen, zu wählen war mir Lust - doch nun: führ Du mich an! Den grellen Tag hab ich geliebt, und manches Jahr regierte Stolz mein Herz, trotz Furcht: vergiss was war. So lang gesegnet hat mich deine Macht, gewiß führst Du mich weiter an, durch Moor und Sumpf, durch Fels und Sturzbach, bis die Nacht verrann und morgendlich der Engel Lächeln glänzt am Tor, die ich seit je geliebt, und unterwegs verlor."
Führe mich, göttliches Licht - damit ich zum Leben finde. Amen.
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