Fremde beherbergen - Zum 4. Fastensonntag
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi   

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

„Ich hab‘ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier“ – diese Maxime des greisen Methusalix aus dem uns wohlbekannten, von Römerlagern umgebenen Dorf an der gallischen Küste könnte auch als Überschrift über der aktuellen europäischen Flüchtlingspolitik stehen.

Es ist mehr als unmoralisch, es ist ein Verbrechen, was sich dieser Tage und Wochen auf Lampedusa abspielt. „Mit welchem Recht verwehren wir es armen Leuten, zu uns zu kommen? Wer erlaubt uns festzulegen, wer ein Mensch mit minderem Recht auf ein menschenwürdiges Leben ist und wer ein vollwertiger Europäer?“ Diese Fragen stammen nicht aus der Feder eines vielleicht allzu sozialromantischen Diakons, sondern von Bernd Ulrich, nachzulesen in seinem Leitartikel auf der Titelseite der ZEIT vom 17. Februar. Und er fährt fort: „Im Kern sagen wir all den armen Flüchtlingen da draußen in der Welt, dass wir sie fernhalten dürfen, weil wir es wollen, dass wir es tun, weil wir es können. Aus schlichtem Egoismus, der menschlich verständlich, aber nicht sehr menschlich ist, den wir auch nur durchhalten können, weil wir ihn den Flüchtlingen nicht ins Gesicht sagen müssen“. Fremde beherbergen – wer heute biblisch verantwortet über dieses Werk der leiblichen Barmherzigkeit sprechen will, der darf nicht über Lampedusa schweigen.

Er darf auch dann nicht darüber schweigen, wenn er weiß, dass das natürlich nur ein Aspekt, sozusagen die tagesaktuelle Außenseite des Themas ist. Und er darf auch dann nicht darüber schweigen, wenn er weiß, dass die Bibel selbst mit dem Thema Fremdheit und Umgang mit Fremden sehr differenziert verfährt und sehr wohl die Balance zwischen Gastfreundschaft und Identität, zwischen Offenheit und Abgrenzung zu wahren versteht.

Dabei denken die allermeisten der biblischen Geschichten nicht aus der Perspektive der Beheimateten über Fremdheit und das Verhalten gegenüber Fremden nach, sondern sind selbst aus der Perspektive der Fremden erzählt. Fremdsein, Fremdheit ist sozusagen ein biblisches Eigenthema allerersten Ranges. Das ist zunächst einmal ganz wörtlich gemeint: Abraham zieht weg in die Fremde. Mose flieht mit seiner Gruppe aus Ägypten durch das Rote Meer in die Fremde. Die Stämme Israels siedeln in einem von fremden Völkern bewohnten Land. Im babylonischen Exil erfährt sich Israel wieder über mehr als ein halbes Jahrhundert als fremdes Volk in einem fremden Land. Jesus von Nazareth predigt in der Fremde, weil er in seiner Heimat Nazareth nicht wirken kann. Und er bleibt für viele ein Fremder, gerade deshalb, weil er in seinem Handeln alle Brücken der Fremdheit überwindet. Er, der im Mahl mit Zöllnern, Dirnen und Sündern Fremde zu Freunden macht, endet als tödlich Ausgegrenzter am Kreuz.

Auch die Urkirche findet sich wortwörtlich in der Fremde, nach außen und nach innen hin: Nach außen hin inmitten einer feindlich gesinnten römischen Besatzungszone und inmitten eines ganz komplexen Ausdifferenzierungsprozesses mit der Synagoge. Nach innen hin in dem Bemühen, die Fremdheit zwischen Judenchristen und Heidenchristen zu überwinden. Die Paulusbriefe geben davon reiches Zeugnis ab. Und es könnte sein, dass wir Heutigen gezwungen sind, diese soziale Seite der Fremdheit im eigenen Haus gerade wieder neu zu erlernen. Denn das, was gegenwärtig kirchensoziologisch unter dem Stichwort „Ende der Großkirche“ firmiert, hat eben diese Innenseite im je persönlichen Erleben: das Gefühl, in der eigenen Gesellschaft ganz langsam ein Fremder, eine Fremde zu werden. Und es wird viel davon abhängen, ob es uns ebenso wie den ersten Gemeinden gelingt, offen und gesprächsfähig zu bleiben und der Versuchung zur Selbstisolierung, zur Sektenbildung zu widerstehen.

Vielleicht sind diese ganz konkreten gesellschaftlichen Fremdheitserfahrungen aber gar kein Schaden. Denn vielleicht können sie uns zur Glaubenserfahrung werden, können uns erzählen, was es mit unserem Glauben auf sich hat. Sie alle kennen das Lied: „Wir sind nur Gast auf Erden“. Normalerweise singt man es beim Totengedenken oder ähnlichen Anlässen. Aber es ist doch mehr als das: Es erzählt von unserem Glauben, der sich mit dem, was ist, nicht abfinden kann. Der sich nicht einrichten kann und will in dieser Welt, weil er weiß, dass den Menschen Größeres, Besseres verheißen ist. Der weiß, dass unsere Heimat, unser Zuhause-Sein und unser Selbstsein hier und jetzt immer nur vorläufig, fragil und anfällig sind. Die letzte Strophe heißt dann: „Und sind wir einmal müde, dann stell ein Licht uns aus, o Gott, in deiner Güte; dann finden wir nach Haus“. Es gibt etwas, – so hat es einmal Ernst Bloch beschrieben – das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: die Heimat der Identität. Eben die ist den Christen – und nicht nur ihnen – in Gott verheißen, und eben deshalb erleben sie sich nicht als Wohnende, sondern als Wandernde und Pilgernde in der Zeit.

Etwas weniger schwermütig, aber mit ganz ähnlicher Ausrichtung formuliert auch der Hebräerbrief in der heutigen Lesung eine solche Theologie des Fremdseins. Er nimmt die Wanderungen der Patriarchen auf und deutet sie als Glaubenserfahrungen: Aufgrund des Glaubens hielt Abraham sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf. Mit Abraham wissen auch die Leser des Hebräerbriefes um das noch Unerfüllte der alten Verheißungen, mit Abraham bekennen sie, dass sie Fremde sind und eine Heimat suchen. Entscheidend ist dabei, dass es in der Perspektive des Hebräerbriefs die leibhaftigen Wanderungen Abrahams in die Fremde waren, die ihm Anlass und Anhalt boten, nach der verheißenen Heimat in Gott zu streben. Sein buchstäbliches Wandern zwischen den Welten wird ihm zum Symbol seines Glaubensweges hin zur verheißenen Heimat in Gott.

Das ist aber nicht als weltflüchtige Jenseitssehnsucht misszuverstehen, sondern als eine Aussage über unser Dasein vor Gott hier und jetzt. Denn es geht dabei nicht nur um unser jenseitiges Zuhause-Sein bei Gott in und nach dem Tod. So wahr es ist, dass wir bis zu unserem Tod Unvollendete sein werden; so wahr es also ist, dass unsere Identität wie unser Weg mit Gott nichts Statisches sind, sondern sich entwickeln und wachsen und erst jenseits der Todesschwelle zur Vollendung gelangen werden; so wahr ist es doch auch, dass wir uns im Glauben schon hier und jetzt von Gott gehalten und in ihm beheimatet wissen dürfen.

Gott macht uns schon hier und jetzt aus fremden Knechten zu Freunden, so haben wir es im Kyrie vorhin gesungen. Aus Fremden vor Gott, die wir in uns selbst verkrümmt uns abschneiden von ihm, werden wir von Gott zu Freunden gemacht. Gott zerrt uns – so ein Bild des heiligen Augustinus – gewissermaßen hinter unserem eigenen Rücken hervor und stellt uns vor sein und so auch vor unser eigen Angesicht; nicht, um uns zu richten und zu strafen, sondern um uns zu heilen, zu rechtfertigen und uns so auch mit uns selbst zu versöhnen. Denn gerecht gemacht durch Gott, gastfreundlich aufgenommen durch Gott, können wir auch den Seiten an uns selbst begegnen, wo wir über uns selbst erschrecken, wo wir uns selbst als abgründig und uns selber fremd erfahren. Dass wir Gottes Gastlichkeit auf diese Weise immer wieder aufs Neue an uns selbst erfahren dürfen, das ist der tiefste und eigentliche Grund, weshalb wir Anderen gegenüber ebenfalls gastfreundlich sein sollen – seien sie nun aus Tunesien und Libyen oder aus dem Nachbarkiez.

Fremde beherbergen – zunächst ganz wörtlich genommen, dann gewendet auf ein Leben in der Fremde, schließlich übertragen auf das Glaubensleben vor Gott, der uns aus Fremden zu Freunden macht. Ein letzter Gedanke: Manchmal ist es ja nicht nur so, dass wir uns als Fremde vor Gott erfahren, sondern dass umgekehrt Gott selbst uns fremd wird, uns als ein Fremder erscheint. Gerade in Zeiten der Krise, konfrontiert mit Leid und Tod erfahren viele Menschen nicht nur den lieben, nahen, menschenfreundlichen Gott, sondern erleben ihn als deus absconditus, als fernen, dunklen, unnahbaren und unverstehbaren Gott. Das ist kein Zeichen von Glaubensschwäche. Besonders Mystikerinnen und Mystiker, die ein ganz intensives Gottesverhältnis pflegen, berichten von solchen Erfahrungen der Gottesnacht. Davon zu unterscheiden ist das Phänomen, dass Gott uns ganz schleichend ein Fremder wird, dass wir uns so an der Oberfläche des Alltags entlang hangeln, dass uns Gott gewissermaßen klammheimlich abhandenkommt. Irgendwann stellen wir dann fast verwundert fest, dass nicht einmal etwas zu fehlen scheint.

Wenn uns Gott ein Fremder wird… – In beiden Fällen, im Zerbrechen von Gottesbildern wie im leisen Sich-Verflüchtigen des Gottesbezugs, ist es gut, dass uns im Evangelium ganz konkret vor Augen gestellt wird, wie sich dieser fremde Gott immer wieder neu von uns beherbergen lassen will. Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan, so haben wir gerade gehört. Wer ganz alltäglich und ganz unaufgeregt die Werke der Barmherzigkeit tut, der beherbergt mit jedem Fremden Gott selbst, der beherbergt aber auch Gott selbst wieder neu im eigenen Leben. Damit schließt sich der Kreis: Gottesmystik ist ohne Politik, Glaubensmeditation ohne den Blick auf den konkret Fremden nicht zu haben. Dem Unrecht auf Lampedusa nimmt das nicht seinen Schrecken, ganz im Gegenteil. Es trägt ihn vielmehr mitten ins Glaubensleben hinein. Denn es könnte sein, dass da im Meer vor Lampedusa in diesen Tagen und Wochen Christus selbst vielhundertfach ertrinkt oder verdurstet.

 
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