Weizen und Unkraut
Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi   

Predigt zu Mt 13,24-43 in St. Ludwig Wilmersdorf, 17.07.2011

In drei ganz unterschiedlichen Gleichnissen hören wir heute, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat: zunächst das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das uns der Evangelist Matthäus zum Schluss des heutigen Evangeliums selbst noch auslegt, und dazwischen die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig. Werfen wir zunächst einen Blick auf diese beiden.

Das Senfkorn ist ein winzig kleines Samenkorn, das aber zu einer großen, baumartigen Senfstaude heranwächst. Und um eine große Menge Mehl zu durchsäuern, genügt ganz wenig Sauerteig, der beigemischt werden muss. Ebenso verhält es sich mit dem Reich Gottes: Es ist wie eine kleines Senfkorn, wie ein Stück Sauerteig. Das bedeutet: Das Reich Gottes ist eine zwar kleine und verborgene, aber jetzt schon gegenwärtige und wirksame Größe. Das Reich Gottes kommt nicht irgendwann und irgendwo, sondern es ist schon da, mitten unter uns. Es ist keine rein futurische Angelegenheit, sondern wir dürfen im Präsens von ihm erzählen, dürfen uns hier und jetzt ihm zugehörig wissen. Das gilt auch und gerade dann, wenn es noch anfanghaft und unscheinbar ist. In Jesus Christus, in seiner Botschaft, seinem Leben, Sterben und Auferstehen ist die Zeitenwende ein für alle Mal vollzogen, ist das Reich Gottes ein für alle Mal Wirklichkeit geworden. Und dieser Einbruch der Reich-Gottes-Zeit in unsere Geschichtszeit hat Bedeutung für alle Menschen zu allen Zeiten, ja für die ganze Welt. Das ist die eine Seite.

Und trotzdem wissen wir aus alltäglicher leidvoller Erfahrung: Es ist noch nicht alles gut. Es wird weiterhin gelitten und gestorben. Die Wirklichkeit, wie wir sie wahrnehmen, scheint der Botschaft vom gegenwärtigen Reich Gottes oft genug Hohn zu sprechen. Ein Blick in die Tageszeitung oder ins Fernsehen, ein ehrlicher Blick ins eigene Nahfeld lässt so vieles zutage treten, das ganz und gar nicht Reich-Gottes-tauglich erscheint.

Aus gutem Grund beten wir deshalb im Vaterunser, dass das Reich Gottes endlich, endlich kommen möge. Aus gutem Grund ist deshalb das älteste uns überlieferte Christusgebet der Urgemeinde ein Flehruf, der um das baldige Kommen Christi bittet: Maranatha, komm Herr Jesus, komm endlich und wende unsere Zeit zum Besseren! Das ist die andere Seite.

Die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig beschreiben also ein merkwürdiges Ineinander von Gegenwart und Zukunft des Reiches Gottes: Das Endgültige ist noch nicht vollendet, das Wirkliche des Gottesreiches ist noch nicht ungebrochen offenbar geworden. Die klassische Schultheologie spricht hier von totus, sed non totaliter – das Reich Gottes ist ganz, endgültig und ein für alle Mal da, aber es ist noch nicht total und in für alle sichtbarer Vollendung Wirklichkeit in unserer Welt geworden. Bei diesem Schon und Noch-nicht der Gottesherrschaft geht es nicht um eine Aufteilung der Gegenwart in verschiedene Bereiche, so als könnten wir sagen: hier ist sie schon da, dort aber noch nicht, dieser Bereich unseres Lebens ist Reich-Gottes-haltig, jener aber nicht. Sondern es geht um zwei paradoxe Totalaussagen über diese eine und ganze Welt: Jetzt ist die Zeit des Heiles, jetzt ist die Zeit, in der wir mit vollem Recht sagen dürfen, wir leben im Reich Gottes, – und jetzt ist zugleich die Zeit, in der um das Kommen des Reiches Gottes allererst gebetet werden muss, jetzt ist zugleich die Zeit, in der gelitten und gestritten, gekämpft und auch gestorben werden muss.

Wir Christen leben deshalb in einer ganz eigentümlichen Doppelsituation: In Christus dürfen wir unsere und unser aller Geschichte als jetzt schon geheilt, befreit und erlöst begreifen. Die Macht des Bösen und die Endgültigkeit des Todes sind endgültig gebrochen. Und zugleich erfahren wir an all den Dunkelheiten, Abgründen und Boshaftigkeiten unserer eigenen kleinen wie der großen weltumspannenden Geschichte, in die hinein wir verwoben sind, täglich aufs Neue: Es gibt nicht nur den Tod und die Tränen, sondern auch so unsagbar viel Böses, Gemeines und Ungerechtes in uns und um uns herum.

Wie sollen wir uns verhalten angesichts dieser janusköpfigen, doppelgesichtigen Zeitsignatur? Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen bringt es auf den Punkt: Beides wachsen lassen und das uns mögliche Gute tun! Angesichts der Verhülltheit der Geschichte, angesichts der Ambivalenzen unserer Zeit bietet es so ein unschätzbares lebensweltliches Entlastungsprogramm. Es nimmt den Druck des ethischen oder des religiösen Perfektionismus von unseren Schultern. Auch auf dem Acker unseres Lebens gibt es Unkraut und Weizen, gibt es Reich-Gottes-Fähiges und weniger Taugliches. Wir sind nicht perfekt, sind nicht frei von Fehlern und Versagen, von Sünde und Schuld; wir können es nicht sein, und wir müssen es auch vor Gott nicht sein. Wir dürfen uns freuen über unser Leben, über alles, was da wächst und gedeiht, auch wenn nicht alles das reine Gold sein wird, was daran glänzt.

So lehrt das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen Gelassenheit im Umgang mit den Schwachstellen in uns selbst, aber eben auch mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Unzulänglichkeiten der Anderen um uns herum. Auch das ist eine Druckentlastung, eine Freisetzung zu Nachsicht und Güte: Wir können die anderen gelten lassen, so wie sie sind. Wir sind befreit von dem unsäglichen Zwang, unsere Umwelt in Kategorien nach gut und böse, richtig und falsch, angemessen und unangemessen einteilen zu müssen. Das ist mehr als die Absage an den moralischen Zeigefinger, es ist die Absage an ein dualistisches Weltbild, das nur schwarz und weiß kennt.

Nein, wir sollen beides wachsen lassen, das Unkraut und den Weizen. Vielleicht, weil Gut und Böse, Richtig und Falsch sich oft bis aufs Haar gleichen und gar nicht so leicht zu unterscheiden sind. Vielleicht, weil sich erst vom Ende her zeigen wird, was Unkraut und was Weizen war. So manches, was uns hier und jetzt als Unkraut scheinen mag, könnte sich in der Rückschau als wertvoller Weizen entpuppen: Erst vom Ende der Geschichte her enthüllt sich ihr Sinn. Vielleicht, weil die Gefahr groß ist, beim übereifrigen Unkrautjäten die guten Weizenkeimlinge mit auszureißen und am Ende gar nichts ernten zu können.

Ein lebensweltliches Entlastungsprogramm ist kein Stillhaltebefehl, und eine Absage an ethischen und religiösen Rigorismus ist keine Aktivitäts-Enthaltungs-Anordnung. Entscheidend ist vielmehr: Wir sollen nicht alles Mögliche, sondern das uns Mögliche möglichst gut tun. Wir sollen mit Kopf, Herz und Hand gegen Ungerechtigkeit und Boshaftigkeit aufstehen (zuerst bei und gegen uns selbst!), uns sodann mit aller Kraft gegen Not und Leiden wenden. Aber wir sollen uns bei diesem Geschäft weder selbst überschätzen noch uns überfordern: Wir haben nicht das letzte Wort, wir sind nicht die letzte Instanz. Ein anderer ist der Richter. Das zu wissen beengt nicht, sondern befreit und entlastet.

Ein allerletzter Gedanke zum Schluss: Was hat es mit dem endzeitlichen Richter auf sich? Wie wird sein gerechtes Richten aussehen? Die Auslegung, die Matthäus zum Schluss unseres heutigen Evangeliums anbietet, mahnt ja mit den drastischen Bildern vom Feuerofen, Heulen und Zähneknirschen. Gewiss – wir dürfen diese sperrigen Bilder nicht einfach wegschieben. Ein Gott der Liebe ohne Gerechtigkeit ist ebenso wenig zu haben wie Rettung und Versöhnung ohne Gericht. Das ist für Opfer wie für Täter eine Hoffnung, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Vor allem aber sind bei Gott Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in einem viel höheren, größeren Maß vereint als wir uns das in unseren forensischen, zuteilenden Gerechtigkeitskategorien überhaupt vorstellen können. Die erste Lesung vom heutigen Tag ist da eine tröstliche Ratgeberin: „Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht“, heißt es da. Gerade Gottes Stärke ist nicht nur Grundlage seiner Gerechtigkeit, sondern auch seiner Nachsicht und Milde. Nichts anderes lehrt uns das heutige Evangelium im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen: Wir sollen Gerechtigkeit üben. Aber unsere Gerechtigkeit soll menschenfreundlich bleiben – menschenfreundlich gegenüber den Anderen, menschenfreundlich gegenüber uns selbst.

 
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