| Wo sind die Toten? - Allerseelentag 2011 |
| Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon |
|
Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!
Am heutigen Allerseelentag gedenkt die Kirche aller Verstorbenen. Wir hier in St. Ludwig schließen in besonderer Weise jene in unser Gebet ein, die im letzten Jahr aus unserer Gemeinde von uns gegangen sind.
Es ist gewiss kein Zufall, dass dieser Allerseelentag heute, am Tag nach Allerheiligen, Eingang in den liturgischen Kalender fand. Denn beide Feste – Allerheiligen und Allerseelen – haben eigentlich den gleichen Sinn: Uns daran zu erinnern, dass unsere Toten nicht einfach weg sind, verschwunden irgendwohin in eine uns ganz und gar unzugängliche Sphäre, sondern – gerade weil sie bei Gott Geborgenheit gefunden haben – dass sie uns in ganz besonderer Weise nahe und gegenwärtig sind. Wir gedenken ihrer, und wir dürfen uns bleibend mit ihnen verbunden wissen. Der Glaube ist dabei das verbindende Band, das uns mit dem ganzen Volk Gottes eint und uns mit hineinnimmt in dessen Wanderung durch die Zeiten. In diesem Sinne ist Glaube immer kirchlicher Glaube, ist gemeinschaftlich verfasster Glaube, weil er teilhaben lässt an der raum- und zeitübergreifenden communio sanctorum, der Gemeinschaft der Heiligen. Denn zu dieser Gemeinschaft der Heiligen gehören ja nicht nur jene spirituellen Hochleistungsasketen, deren Namen Aufnahme in den offiziellen Heiligenkalender gefunden haben und deren wir am gestrigen Allerheiligentag gedacht haben. Sondern alle getauften Christinnen und Christen sind Teil dieser communio sanctorum. Es ist keine fromme Floskel, sondern Zeichen dieser unserer Taufwürde, dass die Briefe im Neuen Testament an die Heiligen in Rom, Korinth, Ephesus, Philippi usw. adressiert sind. Mit anderen Worten: Sie und ich, wir sind die Heiligen von Wilmersdorf. Und in diese große Gemeinschaft der Heiligen sind schließlich auch all jene Ungezählten zu allen Zeiten der Geschichte mit hineingenommen, die – seit es überhaupt Menschen gibt – Gott suchen und sich nach seiner Nähe sehnen auf Wegen und Weisen, die nur Gott allein kennt. Der Allerseelentag will gerade dieses eine deutlich machen: Wir sind nicht allein, sondern Teil einer großen Gemeinschaft der Gottsucher und der Gotteskinder, durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden, synchron im Hier und Jetzt, aber eben auch diachron durch die Zeiten hindurch; auch durch den Tod hindurch. Die wohl existentiellste Frage an diesem Allerseelentag freilich lautet: Wo sind die Toten? Wo sind sie jetzt? Wir dürfen im Glauben gewiss sein, dass sie bei Gott sind. Und wir wissen, dass das Bei-Gott-Sein keinen Ort in Raum und Zeit anzeigt, weil unser dreidimensionaler Raum und unsere linear sich nach vorne schiebende Kalenderzeit im Tod enden. Vielleicht dürfen wir unsere Verstorbenen uns ja gerade deshalb so nah wissen: Weil sie nicht mehr durch die Grenzen von Raum und Zeit daran gehindert werden, uns in ganz intimer Weise innerlich verbunden zu sein. Von Karl Rahner stammt das schöne Wort, wir Menschen würden im Tod nicht a-kosmisch, sondern all-kosmisch. Sein bei Gott im und nach dem Tod heißt also nicht: weg von der Welt genommen sein, sondern heißt: ganz geworden, heil geworden, wahrhaft zuhause angekommen und doch entgrenzt und ganz frei zu sein – und gerade so der Welt und den Hinterbliebenen in Liebe, ganz sicher in Dankbarkeit und wohl auch – wo nötig – in Verzeihung zugetan. Wo sind die Toten? Wo sind sie jetzt? Die andere Seite des Totengedenkens, die uns der Allerseelentag lehrt, ist hart und schroff. Auch wenn wir uns mit unseren Toten in der großen, raum- und zeitübergreifenden communio sanctorum bleibend verbunden wissen dürfen, so gilt es doch, diese bittere Lektion zu lernen: Der Toten gedenken heißt immer auch aufs Neue Abschied nehmen, loslassen, Trauerarbeit leisten. Der Toten gedenken heißt, sich aufs Neue schmerzlich bewusst zu werden: Die Toten sind gestorben. So ist beides gleichermaßen wahr: Unsere Toten sind aus dem Leben heraus gestorben, aus dem Leben der Zurückbleibenden, aus unserem Leben. Zugleich dürfen wir im Glauben gewiss sein: Sie sind in ein neues Leben hinein gestorben, in die Wahrheit ihres eigenen Lebens hinein, und in das Leben dessen hinein, der alles im Sein und am Leben hält. Wir können es nur schwer begreifen. Deshalb suchen wir nach Bildern, Metaphern, Verstehenshilfen, um das eigentlich Unbegreifliche doch irgendwie zu vergegenwärtigen. Eines der schönsten Bilder für dieses Sein bei Gott im und nach dem Tod wird uns im heutigen Evangelium angeboten: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten. Ich werde euch zu mir holen, damit auch ihr seid, wo ich bin“, so spricht der johanneische Jesus seinen verängstigten und zweifelnden Jüngern zu. Das Motiv der himmlischen Wohnungen greift ein bekanntes apokalyptisches Bild auf, das im Judentum der Zeit Jesu durchaus geläufig ist. Aber es trägt einen Mehrwert in sich, der über die Zeitverhaftung hinausragt. Es ist ein Bild, das an eine tief verwurzelte Sehnsucht in uns Menschen rührt: beheimatet zu sein, endlich und wirklich zuhause und angekommen zu sein. Dass mit diesem Platz, der uns bereitet werden wird, kein Ort im engen Sinn des Wortes – keine Lokalität also – gemeint ist, ist offensichtlich. Es ist auch nicht so sehr ein zukünftiger Zustand, von dem hier die Rede ist. Sondern es ist das Bleiben in einer Beziehung, das den Jüngern und so auch uns und unseren Toten verheißen wird: das Getragen-Sein und Beheimatet-Sein nämlich in der Beziehung zum lebendigen Gott. Jesus verspricht den Jüngern, sie mit hineinzunehmen in seine ganz einmalige Vaterbeziehung. Diese Beziehung zum lebendigen Gott, in die wir hineingenommen sind, sie ist es, die uns hier und jetzt leben lässt, und sie ist es auch, die unsere Toten über die Grenze des Todes hinweg ein neues, unvergängliches Leben finden lässt bei dem, der selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Ein letzter Gedanke noch. Die Bilder von der Wohnung, die bereitet ist, von der Heimat, die uns verheißen ist, vom Ankommen und Zuhause-Sein stehen immer in Gefahr, verengt und verkitscht zu werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es geht nicht um postmortale Heimatromantik, sondern es geht um die ganz existentielle Frage, was uns denn Halt und Stand gewinnen lässt im Leben, was uns ganz und heil werden lässt und was uns zu dem oder zu der werden lässt, der oder die wir sind. Im heutigen Evangelium ist von einer Heimat die Rede, die, wie es Ernst Bloch einmal ausgedrückt hat, „allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“ – die Heimat der Identität. Selbstsein und Selbststand sind aber nicht selbst herstellbar. Es wird uns geschenkt. Identität wächst aus und in Beziehungen. Sie muss in Interaktion erarbeitet und errungen werden. Vor allem aber ist der Prozess der Identitätsfindung niemals ganz abgeschlossen. Wir sind ein Leben lang unterwegs zu uns selbst. Wir sind ein Leben lang unterwegs zur Wahrheit über uns selbst. Und eben an diesen Gedanken knüpft das für unsere Ohren so sperrige Wort vom Fegefeuer an, das die Tradition ganz besonders mit dem Allerseelentag in Verbindung bringt. Denn dieser ‚Reinigungsort‘ ist ja seinerseits kein ‚Ort‘, an dem die Verstorbenen passiv verharren und wie auch immer einer Läuterung unterzogen oder gar bestraft werden. Sondern gemeint ist damit jener Prozess des In-die-Wahrheit-Kommens – in die Wahrheit des eigenen Lebens und der eigenen Geschichte, jenes endgültige Zu-sich-selber-Kommen also, das nur im Angesicht und Widerschein der offenbaren Liebe Gottes im und nach dem Tod möglich ist. Diesen letzten Schritt sind uns unsere Verstorbenen voraus: Wer Heimat gefunden hat in den Wohnungen Gottes, der hat auch zu sich gefunden, der hat zur Wahrheit seines eigenen Seins gefunden. Der ist dort angekommen, wohin wir hier und jetzt Lebenden noch unterwegs sind; unterwegs, um allererst noch zu werden, was wir von Gott her doch schon längst sein könnten und sein dürften: Hausgenossinnen und Hausgenossen Gottes. |