| Sehnsucht und Wachsamkeit - 1. Advent 2011 |
| Geschrieben von: Prof. Dr. Matthias Remenyi, Diakon |
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Liebe Brüder und Schwestern im Glauben, was ist Ihr Lieblingslied in der nun beginnenden Adventszeit? Einer meiner absoluten Favoriten ist: „O Heiland, reiß die Himmel auf“. Der Jesuit Friedrich Spee hat es im Jahr 1622 geschrieben, mitten in der dunklen, winterlichen Zeit des 30jährigen Krieges. Es ist voller Sehnsucht nach dem kommenden, Heil schaffenden, die Welt zum Besseren wendenden Gott, und es schreit diese Sehnsucht förmlich heraus: „O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“
Was Spee da dichtet, hat seinen literarischen Ursprung in der ersten Lesung des heutigen Tages aus dem Buch Jesaja: „Reiß doch den Himmel auf [o Gott], und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir“. Aus diesen Versen spricht die gleiche Sehnsucht nach dem Kommen des Erlösers wie aus den zwei Jahrtausend später entstandenen Liedversen Spees: „‘Unser Erlöser von jeher‘ wirst du genannt“ – „Ach, kämst du doch denen entgegen, die tun, was recht ist“, so betet und fleht Jesaja. Der Begriff Advent stammt her vom lateinischen adventus und bedeutet auf Deutsch Ankunft, Anbruch, Herannahen oder auch Erscheinung. Insofern ist der heutige Lesungstext aus dem Buch Jesaja tatsächlich ein adventlicher Text, weil in ihm um die Ankunft des Gottes Israels, um sein erlösendes Wieder-Zurückkehren und um sein rettendes Entgegenkommen gebetet wird, nachdem sich das Volk Israel zuvor aus eigener Schuld von ihm abgewendet hatte. Das Versagen des eigenen Volkes wird dabei offen eingestanden. Aber gleichzeitig hält Jesaja an der unumschränkten Gottheit seines Gottes fest und klagt auf diese Weise auch die bleibende Verantwortung Gottes für sein Volk ein: „Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton, und du bist der Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“. Die eigenen Schuldanteile Israels werden zu keinem Moment geleugnet. Aber der Erlöser-Gott, um dessen Kommen so inständig gefleht wird, wird trotzdem nicht aus der Geschichte herausgehalten. Er wird konfrontiert mit all dem Leid und all der Schuld, mit all dem geschichtlichen Schrecken. Das geht bis dahin, dass Gott eine Mitverantwortung für die Herzensträgheit und den Glaubensabfall des ganzen Volkes zugesprochen wird: „Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, so dass wir dich nicht mehr fürchten?“ In der Tat, es ist ein adventlicher Textabschnitt aus dem Buch Jesaja, den die Liturgie für uns heute bereithält. Aber es ist ein Text, der die Sehnsucht nach dem Kommen Gottes nie sentimental oder regressiv umkippen lässt, sondern der die Hoffnung auf das Kommende – besser: auf den Kommenden – verbindet mit einem wachen Blick für die Gegenwart und für die leidverursachenden Strukturen, die in ihr wirken und auf ihre Überwindung drängen. Es ist eine adventliche Sehnsucht, die da hinausgeschrien wird, eine Sehnsucht nach dem Neuen, Anderen, alles Verändernden. Aber es ist eine Sehnsucht, die sich traut, die Warum-Frage, die Frage nach den konkreten Ursachen mit zu thematisieren, – und die sich darüber hinaus traut, in den Radius dieser Warum-Frage nicht nur den Menschen, sondern auch Gott selbst mit einzubeziehen: „Warum lässt Du uns, Herr von deinen Wegen abirren?“ Auch wenn es paradox klingen mag: Gerade das flehentliche Gebet um das baldige Kommen Gottes holt diesen Gott bereits mitten hinein ins eigene Leben, nimmt ihn mitten hinein in die Geschichte und gibt ihm Raum im Hier und Jetzt. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Evangelium vom heutigen ersten Adventssonntag. Auch hier wird vom Kommen Gottes geredet, nämlich von der Hoffnung der Christen auf die Wiederkunft ihres Herrn am Ende der Zeit. Auch im heutigen Tagesevangelium ist also von einer adventlichen Hoffnung die Rede, wenn auch nicht im prophetischen Ton des Jesaja, sondern im etwas anders gelagerten apokalyptischen Denkrahmen der Zeit um das Jahr 70 nach Christus herum, als dieser Text entstanden ist. Der Evangelist kleidet seine Hoffnung in für uns fremde und verstörende Sprachbilder. Sie hatten aber für die damaligen Leserinnen und Leser einen genau verstehbaren Sinn. Deshalb dürfen wir z.B. das drastische Weltuntergangs-Szenario nicht als eine physikalische Prognose missverstehen, sondern wir müssen es lesen als Ausdruck des Glaubens an die schöpfungsweite Bedeutsamkeit des Geschehens: Wenn Christus am Ende der Zeit wiederkehren wird, dann wird das nicht nur die Christen betreffen, sondern die ganze Schöpfung. Dann nämlich wird das vollendet werden, was in Leben, Sterben und Auferstehen des irdischen Jesus von Nazareth seinen definitiven und unumkehrbaren Anfang nahm: der Tod des Todes und das neue Leben aller Geschöpfe in Gott. Das Missliche an dieser adventlichen Sehnsucht ist, dass sie so leicht in weltflüchtige Jenseitsromantik und in lähmende Resignation führen kann: Man muss halt irgendwie in diesem Jammertal ausharren, bis das Erlösend-Neue endlich irgendwann einmal losgeht. Darum ist es gut, dass das Evangelium vom heutigen Sonntag nicht nur die frohe Botschaft vom endzeitlichen Kommen Christi verkündet, sondern in eins mit dieser Adventshoffnung den Blick auf unser Tun und Lassen wirft. Denn der unbedingten Hoffnung auf die von Gott herkommende, frei geschenkte Erlösung von Mensch, Geschichte und Welt entspricht aufseiten der Glaubenden eine lebenspraktische Haltung, die der Evangelist Markus in einem Wort zusammenfasst: Wachsamkeit. Wachsam sollen wir sein und wach in unserer Hoffnung, uns nicht sentimental vertrösten und auch nicht resigniert stillhalten, sondern aufmerksam und sensibel die Zeichen der Zeit beobachten, um dem Kommen des Herrn nicht im Wege zu stehen. Wir Christen sind die Türhüterinnen und Türhüter einer neuen Zeit: Wir können das Wachsen des Reiches Gottes und die offenbare Gegenwart Gottes nicht herbeizwingen, und es ist die größte Versuchung von Fundamentalisten aller Couleur, es mit Gewalt herbeizwingen zu wollen. Aber wir haben Auftrag und Verantwortung, seinem Kommen nicht auch noch durch Feigheit, Ängstlichkeit oder Herzensträgheit die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Wer ein altes Zisterzienserkloster besucht, den empfängt auf der Klosterpforte ein Spruch, der mich sehr berührt: Porta patet, cor magis – Das Tor steht dir offen, das Herz noch viel mehr. Das ist die Wachheit des Herzens, mit der die adventlich Hoffenden auf den Kommenden warten. Das sind der wache Blick auf den Anderen und der achtsame Umgang miteinander, die einer adventlichen Hoffnung entsprechen. „O Heiland, reiß den Himmel auf“… So darf eigentlich nur singen, wer zugleich bereit ist, die Tore seines eigenen Herzens offen zu halten – offen für die Wahrheit des eigenen Lebens, offen für den begegnenden Anderen, offen für den sich möglicherweise zeigenden Gott. „Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für“… So darf eigentlich nur singen, wer zugleich bereit ist, die Schlösser und Riegel des eigenen Herzens abzureißen oder von Gott immer wieder aufs Neue abreißen zu lassen. Das ist manchmal schmerzhaft, weil ein offenes Herz verletzbar macht. Denn es schärft den Blick für so manche unangenehme und verdrängte Wahrheit des eigenen Lebens, und es zerbricht den distanzierenden Filter zu fremder Not. Aber es ist die einzige Möglichkeit, die adventliche Erwartung nicht in ein religiöses Stillhalteabkommen umschlagen zu lassen. Wer nämlich so wartet, in Achtsamkeit, Wachsamkeit und mit einem offenen Herzen, der wartet nicht nur ab, sondern der wacht voll Sorge über seine Zeit, um die Vorzeichen der kommenden nicht zu übersehen. Dieses Warten ist aber keine passive Nötigung, sondern eine aktive, entschiedene und wirklichkeitsverändernde Tat. So lädt die adventliche Hoffnung auf das Kommen Gottes dazu ein, selbst ein adventlicher Mensch zu werden. Das ist nicht auf die vier kurzen Wochen vor Weihnachten zu beschränken. Es ist ein Lebensprogramm. Aber, so scheint mir, keines der schlechteren Art.
Lesung: Jes. 63,16b-17.19b; 64,3-7; Evangelium: Mk 13,24-37
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