Jahresabschlussmesse 2011
Geschrieben von: P. Hans-Georg Löffler, ofm   
Liebe Schwestern und Brüder,

Eine Tageszeitung beschreibt heute das Jahr 2011 als, „ein atemloses Jahr“. Eine Überschrift, die auch mein Empfinden trifft.

Auch ich habe das Gefühl, auf ein schier atemloses Jahr zurück zu blicken – was uns alles begegnet ist, was uns alles beschäftigt hat – natürlich in der je eigenen Intensität – manches berührt mich mehr, anderes weniger; manches weckt meine Aufmerksamkeit mehr als anderes – und ich kann mich nicht zu allen Fragen des Lebens oder der Gesellschaft positionieren.

2011 ein „atemloses“ Jahr:

  • die Fragen der Politik, der Ökonomie, Schulden-und Wirtschaftskrise, Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise;
  • die arabische Revolution in ihrer Entwicklung mit Hoffnungen – mit Aufbrüchen und Begrenzungen, Enttäuschungen;
  • die großen Fragen der Ökologie – Naturkatastrophen, Klimawandel, Fukoshima, Fluten in Australien und Thailand, Armut und Hunger in weiten Teilen der Welt;
  • die Erinnerung an den Massenmord an 87 Jugendlichen auf einer Insel in Norwegen, der eine ganze Nation erschüttert mag stellvertretend stehen für die vielen kleinen und großen Schicksalsschläge, Krisen und Leiderfahrungen im Leben von Menschen – wir alle wissen um sie.

Vieles wirkt in unserer Zeit unüberschaubarer, wesentlich differenzierter und schwieriger, weil komplexer, als in früheren Jahren. Der Einfluss der Medien in dieser schnellebigen Zeit ist nicht zu unterschätzen, worüber berichtet wird und wie ausführlich, welche Worte aus Interviews herausgeschnitten und in Berichten zusammengeschnitten, welche Bilder eingefügt werden? Sie beeinflussen das Empfinden und die Meinung der Menschen und scheinen dem berechtigten Anspruch nach „Wahrheit“ immer weniger gerecht werden zu können – wohl auch ein Opfer dieser Zeit, die nach Schnelligkeit schreit und Flexibilität und physische, intellektuelle und psychische Mobilität verlangt. Wo bleibt der Mensch?

 

2011 ein einforderndes Jahr in unserem Erzbistum:

  • nach Monaten schwerer Erkrankung verstarb am 30.06. der langjährige Erzbischof von Berlin Georg Kardinal Sterzinsky. Über 20 Jahre lang hatte er die Geschicke dieses Bistums geleitet. Wir wollen Seiner auch in dieser heiligen Messe noch einmal gedenken.
  • Die Nachfolge trat nach relativ kurzer Zeit Dr. Rainer Maria Woelki an, der als Weihbischof von Köln auf den Bischofsstuhl von Berlin berufen wurde. Er wurde als Erzbischof von Berlin am 27. August diese Jahres eingeführt. Der Wechsel in der Bistumsleitung ist für unser Erzbistum ein Einschnitt, dessen Ausmaß wir wohl noch nicht ganz erfassen können. Der neue Erzbischof positioniert sich klar in der Sorge um die Armen der Stadt – so besuchte er bei einem seiner ersten öffentlichen Schritte ein Lager der Sinti und Roma und später privat mit dem Fahrrad seine Nachbarn, die Franziskaner in Pankow, weil er seinen Wohn- und Dienstsitz in die Osloerstraße verlegt hat. Und er besuchte bedürftige Menschen in der Suppenküche dort am Heiligen Abend, wie es sein Vorgänger auch schon viele Jahre gepflegt hatte.

Als Erzbischof hat er bereits zwei beratende Priestergremien aufgelöst, wohl um die alltägliche Arbeit effizienter an zu gehen. Ein Bischof, der fußballbegeistert ist und Ahnung davon hat, der in seiner rheinischen Art auch um ein klares Wort nicht verlegen ist – bei einer Priesterkonferenz, in der ein Pfarrer doch etwas stark lamentierte und angesichts der Arbeitsbelastung um personelle Entlastung bat antwortete er: „lieber Mitbruder, wir sind hier nicht bei „Wünsch’ Dir was, wir sind hier bei so isses“!

Damit macht der Erzbischof deutlich, dass er sich schon einen Überblick verschafft hat über die Situation im Erzbistum, Priesterzahlen und Gemeindestrukturen – und, dass auch zukünftig weitere Veränderungen im Erzbistum Berlin nicht aus zu schließen sind.

Seine erste große Aufgabe erfüllte Erzbischof Woelki, wenn man so sagen darf, mit Bravour – als er am 22. September Papst Benedikt am Anfang seines halboffiziellen Staatsbesuches zu Beginn der Eucharistiefeier im Olympiastadion begrüßte.

Dieser Papstbesuch hat im Vorfeld viel Arbeit gemacht – von den meisten natürlich unbemerkt - aber die Mitfeier des Gottesdienstes hat alle entschädigt. Glaubensfreude und Hoffnung mit dem Papst und mit vielen anderen teilen zu können war für viele ein einmaliges und unvergeßliches Erlebnis. Papst Benedikt ist nicht vergleichbar mit seinem Vorgänger, dem charismatischen Papst Johannes Paul II. Er überzeugt durch die Brillanz seiner Gedanken – und gleichzeitig kann er in seiner unverwechselbaren Klarheit irritieren, verunsichern und enttäuschen. Eine Frucht dieser Papstreise nach Deutschland sehe ich in einer weitangelegten Diskussion über Religion, Glaubens- und Kirchenfragen, die durch sie angeregt worden ist. Möge sie auch weiterhin zum Gespräch führen und eine Weiterentwicklung der Kirche im Sinn des II. Vatikanums fördern.

 

2011 war auch für unsere Gemeinde ein einforderndes Jahr. Ich sehe im Wesentlichen vier Ereignisse, die ich noch einmal ins Wort heben möchte:

  • Am 1. Juni starb mit 90 Jahren der langjährige und prägende Pfarrer unserer Gemeinde St. Ludwig, Benno Fahlbusch. Am 16. Juni haben wir ihn im Priestergrab der Gemeinde auf dem Matthiasfriedhof beigesetzt. Er möge in Gottes Frieden leben.
  • Die Renovierung unserer Kirche – deren Wiedereröffnung Pfarrer Fahlbusch noch an seinem 90. Geburtstag mitfeiern konnte - hat viel Einsatz gefordert. Viele haben sich eingebracht, dass die Kirche zu Beginn ausgeräumt und zur Wiedereröffnung gereinigt und eingeräumt wurde; dass Gottesdienste in der Turnhalle und im Thomas Morus Saal möglich waren. Unsere Kirche St. Albertus-Magnus ist für manche bei der dreimonatigen Schließzeit von St. Ludwig mehr in den Blick und ins Bewußtsein gerückt, was mich freut. Dankbar können wir auf die renovierte Kirche schauen - dankbar sein auch für die ersten Spuren der Nutzung. Die Kirche soll ja einladen, auf Gottes Wort zu hören, seine Nähe in der Stille zu suchen und den Glauben in der Verbundenheit der Gemeinde, mit jung und alt, zu feiern; was wäre eine Kirche, wenn sie nicht genutzt würde.
  • Ich erinnere an die Wahlen zum Pfarrgemeinderat und zum Kirchenvorstand – die Gremien haben sich konstituiert und nehmen ihre Arbeit auf. Hier steht leider die vorbereitende Arbeit zu den Wahlen in keiner Relation zur Beteiligung der Wahlberechtigten, was enttäuscht! und wo wir auch noch keine konstruktiven Antworten gefunden haben.
  • Das Weltgebetstreffen von Taizé ist in diesem Jahr in Berlin zu Gast – von 155 Gästen in St. Ludwig sind 139 in Privathaushalten aufgenommen worden – allen Begleitern und Betreuern, allen Gastgebern dafür auch von hier aus einen herzlichen Dank.

Liebe Schwestern und Brüder,

ein „atemloses Jahre 2011“ geht zu ende.

Wo bleibt der Mensch?

Frère Roger, der Gründer von Taizé, kann uns einige Schlüsselworte zur Beantwortung der Frage, „wie kann ich meinen Weg auch im neuen Jahr finden und weiter gehen“ an die Hand geben:

  • „Bleib’ niemals auf der Strecke!“, laufe auf den Spuren Christi, seine Spur ist ein Weg des Lichts!
  • „Lebe im Heute Gottes“, sei gegenwärtig, sei Du selbst, fürchte nicht das Leben, den Menschen, auch nicht den Tod – vertrau auf Gott, der Deinen Weg mit Dir geht.
  • „Streif die Mutlosigkeit ab“ Wer zu Gott unterwegs ist, geht von einem Neubeginn zum anderen. Zählst Du zu den Menschen, die es wagen, zu sich selbst zu sagen: „Fang wieder an! Streif die Mutlosigkeit ab! Sei ein lebendiger Mensch!“
Und: Lebe das wenige, das Du vom Evangelium verstanden hast. Lebe es – einfach aber treu – suche Zeiten und Orte der Ruhe und der Stille, schöpfe aus der Quelle des Glaubens, dann wirst Du bestehen, auch 2012. Amen.
 
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