2. Sonntag 2012
Geschrieben von: P. Hans-Georg Löffler, ofm   

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wie gut tut der Sonnenschein nach trüben Tagen, wo alles grau in grau war, triste. Da geht das Herz auf, das Strahlen der Sonne überträgt sich, ich kann das Leben mit anderen Augen sehen –

obwohl die Sorgen nicht einfach weggewischt sind, Fragen sich nicht in Luft auflösen und die Aufgaben nicht weniger geworden sind. Es ist, als könne man diesen aber anders begegnen.

Die Strahlen der Sonne, die mein Herz berühren und weit machen, sind auch ein Bild für „Spiritualität“, für Glaubens-und Gebetserfahrung, für ein Leben mit Gott.

Samuel macht eine solche Erfahrung, die erste Lesung des heutigen Sonntags hat uns davon berichtet. Sie macht deutlich, dass es bei „Spiritualität“ um das „Hören“ geht, das hin-hören.

„In jenen Tagen“, so wird die Lesung eingeleitet, „waren Worte des Herrn selten, Visionen waren nicht häufig“. Welche Parallele zu uns heute, zu einem Alltag, in dem Worte des Herrn selten zu sein scheinen und Visionen, die dem Leben dienen und die Beziehung zwischen Gott und den Menschen fördern nicht häufig sind. Und vergessen wir nicht: Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort war ihm noch nicht offenbart worden.

Aber da geschieht es.

Unerwartet findet Gott Raum, eine Stimmung, unbelastet und unvoreingenommen, in der ER einen Menschen anspricht. So stelle ich mir vor, wie ein Mensch vom Licht Gottes, vom einem Strahl seines Lichtes berührt wird, geweckt wird aus einem Schlaf der Unbedarftheit, der Selbstgewissheit oder Unwissenheit.

Ich lese daraus einen wunderbaren Auftrag für die Kirche heute, den Menschen nicht Gott zu erklären und sie so fest zu legen auf einen Weg der Gottesbegegnung und der Gotteserfahrung – sondern sie zu ermutigen offen zu werden für eine Berührung durch Gott, es zulassen zu lernen, dass Gott sie anrühren möchte und wie Gott sie anrühren möchte.

Hin-hören zu lernen in einem lauten Umfeld, in dem der Mensch immer wieder bespaßt und unterhalten wird ist eine kaum zu leistende Aufgabe.

Wir können als Kirche – und wir tun es auch - den Raum schaffen und eröffnen für den Diskurs über Fragen des Glaubens und des Kirchlichen Lebens – eine wichtige Komponente der Reflexion und des „erwachsen“-Werdens im Glauben. Ich erinnere gern an die Einrichtung des „Thomas-Morus-Forums“ unserer Gemeinde, das durch die aufgeworfenen Fragen im Zusammenhang mit dem Besuch Papst Benedikts in Deutschland im vergangenen September ins Leben gerufen worden ist. Wir schaffen aber auch den Raum, die äußere Möglichkeit, sich in die Stille zu begeben, innerlich zu Ruhe, Stille und Betrachtung zu kommen – sei es durch eine offene Kirche, die immer wieder von Menschen zur Einkehr genutzt wird; sei es durch das Meditationsangebot in der Krypta von St. Albertus-Magnus – ein geleitetes christliches Meditieren, Sitzen und Schweigen; durch das Mittagsgebet: Innehalten im Laufe des Tages; durch die Eucharistische Anbetung oder durch die Montagsmesse, die bewußt in Stille gefeiert wird und noch einmal andere Gottesdienstbesucher anspricht.

„Spiritualität“ fällt nicht einfach vom Himmel – sie will, gleich in welcher Tradition, christlich, jüdisch, muslimisch oder auch buddhistisch, eingeübt werden. Wir tun es als Gemeinde, als Gemeinschaft Glaubender, wenn wir zum gemeinsamen Gebet zusammen kommen. Wir üben uns ein, wenn wir uns die Zeit nehmen, mit Gott den Tag zu beginnen und vor Gott am Abend den Alltag zu reflektieren. Dabei geht es nicht um ein „Abarbeiten“ von Pflichtgebeten, wie es vielleicht die älteren Generationen noch gelernt haben – es geht vielmehr um die Erkenntnis, dass ich in der Beziehung mit IHM innerlich wachse, innerlich erstarke, das Leben anders sehen kann, die Aufgaben anders angehen kann und das Schwere noch einmal anders tragen, ertragen kann – so wie ein Sonnenstrahl die dichte trübe Decke der Wolken durchbricht und mir eine Ermutigung, Trost oder Motivation schenkt.

Hin-hören; „Rede Herr, Dein Diener hört“.

Eine kleine aber wichtige Voraussetzung für ein geistliches Leben.

Ausgehend von der Lesung aus dem 1. Buch Samuel lehrt uns der Abschnitt aus dem Johannesevangelium noch zwei weitere Schritte für „Spiritualität“ im Alltag:

„Sehen“ und „Mitgehen“. Auch hier kennen wir die vielfältigen Ablenkungen durch Notwendigkeiten oder verlockende Angebote, die unsere Aufmerksamkeit in die unterschiedlichsten Richtungen lenken. Wir werden allgemein enorm gefordert, stehen im Leben, tragen Verantwortung, haben mit unterschiedlichsten Herausforderungen oder Zumutungen in Beziehungen oder im Beruf zu kämpfen, was habe ich im Blick?

Es heißt: „Johannes richtete den Blick auf ihn“ – das ist ein aktives, bewußtes Handeln; ich richte meinen Blick auf Dich, Jesus.

Es gehört zum geistlichen Leben mit diesem Jesus, dass ich mich immer wieder losmache, löse von dem einen oder anderen, das meinen Blick gefangen hält, das meinen Blick bindet, um IHN wieder neu in den Blick zu bekommen. „Jesus“, was sagst Du mir heute? „Komm und sieh?“ – „wohin soll ich gehen? Was soll ich sehen?“

Mit Jesus durch das Leben zu gehen, IHM zu folgen, hat mit einem immer neuen Aufbrechen zu tun, neu-anfangen, neu beginnen. Aus den Erfahrungen des Leben lernen - aber in ihnen auch nicht hängen zu bleiben. Über Gelungenes mich zu freuen – mich aber darauf nicht aus zu ruhen. Das Gescheiterte, als Teil meines Lebens an zu nehmen – und nicht in Enttäuschung oder Trauer zu versinken.

Den Blick auf IHN zu richten – und mit IHM weiter zu gehen, den Weg, der sich vor meinen Füßen eröffnet.


Liebe Schwestern und Brüder,

wir stehen immer noch am Anfang eines neuen Jahres. Vielleicht laden uns die Texte der heutigen Liturgie ja ein, unserem geistlichen Leben einen neuen Anstoß zu geben, neu zu beginnen, hin-zu hören, hin- zu sehen und mit Jesus das neue Jahr unter die Füße zu nehmen, als Einzelne aber auch als Seine Gemeinde. Amen.
 
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