Schwestern und Brüder, Nach einem Familienbesuch in der Gemeinde vor einigen Tagen kam ich mit einem Taxifahrer ins Gespräch, der - ganz beiläufig - über eine inhaltliche Ausdünnung des Christlichen in unserer Gesellschaft sprach - wie „hohle Floskeln" wirke das Christentum auf ihn. Eine Äußerung, die mich zum Widerspruch reizte - dieser christliche Glaube, von dem ich für mein Leben alles erwarte und erhoffe, soll zu einer leeren Floskel verarmt sein: inhaltlich nicht mehr gefüllt, im Leben vieler nicht mehr wahrzunehmen als Leitfaden, als richtungweisend für ein Menschen -und Gesellschaftsbild oder gar als Ausrichtung für eine politische und soziale Werteordnung.
Vielleicht finden wir in solchen und ähnlichen Gedanken und Äußerungen mancher unserer Zeitgenossen Auswirkungen eines Selbstverständnisses der christlichen Kirchen, die durch die großen Bewegungen nach den Weltkriegen sich zu sicher wurden: volkskirchliche Strukturen wuchsen und wurden mehr und mehr gefestigt, fast ganz Deutschland war christlich - selbstverständlich christlich - wie das ganze Sozialgefüge und Wertesystem selbstverständlich schien, sicher und klar.
Seit vielen Jahren steht unser Land Deutschland in großen Umbrüchen - Menschen sind zu uns gekommen, um bei uns zu leben und zu arbeiten - oft waren sie gerufen, am Wie-deraufbau Deutschlands mit zu arbeiten - andere kamen und kommen, weil unser Land ein „freies" Land ist, eine freiheitliche Demokratie, in der Menschen in Frieden leben können, in der Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Freiheit der Religionsausübung oder die Achtung der Würde eines jeden Menschen, gleich welchen Geschlechts, welcher Sprache oder Nationalität, welcher Religionszugehörigkeit gewährleistet wird. Wirkliche Integration gerade von Jugendlichen oder Frauen mit Migrationshintergrund ist nicht gelungen oder nur stückweise. Manche waren uns fremd und sind uns fremd geblieben - manchmal - scheint es mir aber auch - waren wir und sind wir so sehr mit uns selber beschäftigt, dass eine wirkliche Vernetzung zu Menschen anderer Religionen oder Weltanschauungen kaum zustande kommt. Die Wiedervereinigung Deutschlands, die sich in diesem Jahr zum 20. Mal jährt, hatte einen gewaltigen - und häufig ungeahnten/unerwarteten - Einfluss auf die weitere Entwicklung unseres Staates, in seinem Selbstverständnis, in Einstellungen zu wichtigen Fragen der Lebenspraxis - wenn wir allein auf die unterschiedlichen Verständnisse der Familie und damit zusammenhängend den verschieden Traditionen der Kindertagesstätten oder Kinderkrippen schauen. Da begegnen sich Welten in einer Weise, die nicht übersehen und nicht leichtfertig abgetan werden können.
In diesen Umbrüchen ist eine Besinnung auf die Grundlagen unseres Selbstverständnisses unverzichtbar, notwendig, um dem Menschen in seiner Einzigartigkeit und in der Vielfalt auch der religiösen oder weltanschaulichen Traditionen gerecht werden zu können. Um den Menschen Sicherheit zu vermitteln, eine Grundlage, von der aus sie in einem Miteinander des Respekts und der Achtung, das Haus ihres je eigenen Lebens aufbauen können.
In diesen Entwicklungen leben wir. Menschen leben anders, Menschen denken individueller, situativer, liberaler. Das Leben der Kirchen - mit der Erfahrung der Minderung von Einfluss, Wahrgenommen werden, Anerkannt werden - ist fraglos schwerer geworden.
Wenn dabei das „Christliche" von einigen als „hohl" oder „floskelhaft" wahrgenommen wird reicht es nicht, zu lamentieren, sich über Entwicklungen zu empören oder Menschen mit anderen Hintergründen und Einstellungen an-zugreifen. Hier ist „Kirche" gefordert, Position zu beziehen und klar den Ansatz des Jesus von Nazareth zu vermitteln - durch Worte aber viel mehr noch durch Taten: Platz zu schaffen für berechtigtes Vertrauen! Für ein Vertrauen, dass nicht instrumentalisiert wird! Es geht um dich als Mensch - um Dein Wohl, um Deine innere und äußere Freiheit - um die Möglichkeit, Dich als Mensch weiter zu entwickeln - und es geht um diese Welt, Gottes gute Schöpfung und ihre Zukunft! Und nicht um die Stabilisierung eines Systems oder einer Institution! In diesen Entwicklungen darf Kirche sich nicht begnügen, Gewohntes zu verwalten. Sie darf sich nicht abfinden mit einer „kleinen, immer schwächer werdenden, Herde" sondern muss den Glauben stärken an das, wofür wir als Chri-sten und als Katholiken stehen wollen! Hier muss Kirche den Blick im Heute verankern, um ihn auf die Zukunft hin auszurichten zu können und darf nicht in alten Formen und Sichtweisen hängen bleiben oder gar romantisierend zurückkehren wollen! Der missionarische Charakter des Christlichen wächst in der Überzeugung, dass wir den Menschen etwas zu bieten haben - wofür zu leben sich lohnt! Ich wünsche mir für unsere Kirche, dass viele das Evangeli-um neu entdecken, es lesen, sich mit ihm auseinandersetzen und auf den Jesus treffen, der sich gerade den Armen, den Ausgegrenzten, den ideologisch „Nicht 100%-igen" zuwendet - und ihnen das Mitfühlen Gottes zuspricht: Worte des Vertrauens, eine Kritik, die hinweist, aufbaut und weiter-führt und ein Leben in das Licht Gottes setzt - und diese Worte durch Gesten der Nähe, des Beistandes, der Zuverlässigkeit stützt. In vielen Bereichen des kirchlichen Lebens, gerade in den Pfarrgemeinden finden wir - Gott sei Dank -Zeugnisse erfüllten christlichen Lebens: in der Sorge um Kinder und Familien, in der Begleitung von Jugendlichen, in vielen sozialen und caritativen Diensten, die oft im Verborgenen treu getan werden - durch die Erfahrung und Vermittlung von Gemeinschaft in der Feier des Glaubens und durch Möglichkeiten der Begegnung. Hier wünsche ich mir, dass wir viel mehr über das Gute, das Gelungene berichten und sprechen - miteinander und ruhig auch mutig und überzeugt vor anderen. Wir haben etwas zu bieten. Da kommt sicherlich auf Einzelne viel mehr an Verantwortung zu: denn mit Dir erhält die Kirche, der christliche Glaube ein Gesicht, wird wahrgenommen: ja, ich glaube, ja ich bete - warum auch nicht! Und es hilft mir, es gibt mir Kraft, es gibt mir eine Einstellung zum Leben, die mir ohne meinen Glauben fremd wäre. Dieser Glaube hilft mir wach zu bleiben für das, was um mich herum geschieht, er hilft mir, mich für andere einzusetzen und nicht nur um mich selber zu kreisen!
Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte nicht zu alten Strukturen kirchlichen Lebens zurück. Dass wir hier in St. Ludwig miteinander Christsein leben und feiern in Formen, die dem Menschen nahe sind und den Fragen und Anforderungen unserer Zeit entsprechen, dazu brauchen wir als Seelsorger und auch in unseren Leitungsgremien der Gemeinde immer wieder Anregungen, Auseinandersetzung, Unterstützung - um die ich Sie am heutigen Abend herzlich bitte.
„Der Himmel öffnete sich über ihm und eine Stimme sprach: „Du bist mein geliebter Sohn" - liebe Schwestern und Brüder, unter dieser Zusage steht das Leben eines jeden Getauften - Du bist von Gott geliebt, angenommen, gewollt! Lebst Du mit ihm - gibst Du ihm Raum und Zeit, wirst Du immer tiefer in die Haltung des „Christlichen" hineinwachsen, menschlicher werden, dem Göttlichen Werkzeug sein:
- damit Menschen Hoffnung finden;
- damit der Gleichgültigkeit, die immer mehr Raum gewinnt, die Kraft genommen wird;
- damit Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit stärker werden
- damit die Rede von einem liebenden Schöpfergott, der in Christus das Leben unendlich bereichert, nicht verstummt,
- damit sich Himmel und Erde berühren,
auch in dieser eigenwilligen Stadt. Amen.
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