Lieber Jubilar, liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder,
wie kann man 60 Jahre lang Priester sein? Wie kann man Priester werden und es immer noch sein - durch diese vielen Jahre hindurch mit all ihren Veränderungen - gesellschaftlicher Wandel, innerkirchlich durch das II. Vatikanische Konzil; der Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft, der heterogener geworden ist, die Infragestellung so vieler Aussagen und Traditionen der Kirche, bis hin zur Frage nach dem Selbstverständnis des Priester in einer gewandelten Kirche und Gesellschaft?
Wenn wir mit Dir heute das Fest des 60. Jahrestages Deiner Priesterweihe feiern dürfen, dann geht es nicht darum, Dir das Lob zu singen, sondern mit Dir einem anderen - dem, der vor 60 Jahren seine Hand auf Dich gelegt hat und gesagt hat - „ich will Dich in diesem Dienst"! Und das ist Dein großer und ausdrücklicher Wunsch für diesen Festtag, Gott zu preisen und zu danken, dass er immer wieder Menschen in seinen Dienst beruft, auch in den ausdrücklichen Dienst des Priesters oder des Ordenschristen.
Wir können nicht ermessen, was da geschehen ist, von der Welt unbemerkt an diesem 09. Oktober 1949 in der Hauskapelle des Bischofs von Berlin, als Kardinal von Preysing Dir die Hände auflegte, Dich salbte und Dir die Gaben Brot und Wein überreichte. Von der Welt weitgehend unbemerkt, denn Berlin stand unter der Blockade, die Theologiestudenten waren an unterschiedlichen Studienorten im Westen Deutschlands verteilt, der Bischof konnte jedes halbe Jahr einen Kandidaten aus dem Westen nach Berlin holen, um ihm in seiner Hauskapelle die Priesterweihe zu spenden. Wir können es nicht ermessen - aber es wird in diesem Sakrament etwas vermittelt, das dem Kandidaten die Treue Gottes zusagt und ihm die Kraft schenkt, sich von Gott in Dienst nehmen zu lassen.
Wie kann man 60-Jahre Priester sein? Zwei Sakramente, Zeichen der Liebe und Verbundenheit Gottes, sind es im Wesentlichen, die einen Menschen stärken, seiner Berufung treu zu bleiben: das Sakrament der Eucharistie und das Sakrament der Versöhnung.
Papst Benedikt wird nicht müde, gerade im Jahr des Priesters die unbedingte Verbundenheit von Priestertum und Eucharistiefeier zu betonen. Gerade in unserer katholischen Tradition ist die Feier der Eucharistie die Gemeinschaft vermittelnde und Gemeinschaft stiftende Größe: Gemeinschaft, Communio mit dem Christus unseres Glaubens und unter einander als Gemeinde. Hier ist die Quelle, hier ist der Mittelpunkt, unser Zentrum, hier feiern wir „das Geheimnis" unseres Glaubens: der unendliche Gott verschenkt sich in die endliche Welt, der unbegreifliche Gott wird fassbar in einem kleinen Stückchen Brot, in einem Schluck Wein, hier wandelt Gott Brot und Wein und unser gebrochenes Leben.
Lieber Benno, das Altarbild unseres Altares ist Dir lieb, weil es genau das zum Ausdruck bringt - die Hostie umgeben von den Ähren, die wie Strahlen auf die Mitte hinführen und von ihr her wieder ausgesandt werden. Ein Bild für die Dynamik unseres Glaubens, so ist das Leben der Kirche, für das sich der Priester einzusetzen hat: dass Menschen Wege zur Mitte, zu Christus finden - und, dass sie gestärkt gesendet werden in ihren Alltag, gestärkt, den Alltag zu bestehen aber auch, um Zeugnis zu geben von ihrem Glauben, von der Hoffnung, die uns verbindet. Lieber Benno, in unserer Gemeinde hast Du von 1959-1986 immer wieder in Deinem Dienst als Pfarrer von St. Ludwig Eucharistie gefeiert - und Du bist dankbar, dass Du auch an Deinem neuen Lebensort in der Götzstraße in Tempelhof jeden Tag mit den dort lebenden Ordensschwestern und Gästen Eucharistie feiern kannst, was nicht jedem älteren Priester so vergönnt ist. Du erkennst darin einen weiteren Ausdruck der guten Führung Gottes, die Du in Deinem Leben so häufig und treu erfahren hast.
Das zweite Sakrament, das mir für ein Priesterliches Leben aber eigentlich für das Leben als solches unverzichtbar erscheint ist das Sakrament der Versöhnung. Es scheint im Leben vieler keinen Platz mehr zu haben - warum auch immer. Vielleicht gehört es zu den Dingen, deren Wert und Schönheit erst wieder neu, und vielleicht auch nur ganz persönlich, entdeckt werden können. Priesterliche Berufung, Schwestern und Brüder, bewahrt nicht vor menschlichem Versagen, vor Schwäche oder davor, schuldig zu werden. Auf einen Priester, der einer Gemeinde als Pfarrer vorsteht, strömen immer wieder unterschiedlichste Erfahrungen ein. Es ein Geschenk und unglaublich schön, spüren zu dürfen, als Priester werde ich angesprochen und gebraucht, ich begegne Menschen mit unterschiedlichsten Berufen in mannigfachsten Lebenssituationen. Es ist eine Bereicherung zu erkennen, hier kann ich kreativ zusammen, mit denen, die sich für die Gemeinde einsetzen wollen etwas gestalten in der Glaubensvermittlung und im Leben der Gemeinde. Es ist aber auch die Erfahrung, dass in kürzester Zeit auf unterschiedlichen Ebenen Gefühle von überschwänglicher Freude bis erschütternder Trauer aufeinander treffen können. Dazu die Erfahrung, dass der Priester immer im Scheinwerferlicht des Gemeindelebens steht, dass nicht selten in verletzender Weise über einen Priester gesprochen wird, Gerüchte nicht verstummen und Intrigen unnötig ein Gemeindeleben mitbestimmen können. Da reagiert auch ein Priester nicht immer angemessen, auch ein Priester empfindet für manche Menschen mehr, für andere Menschen weniger Sympathie, auch ein Priester kann in Situationen überreagieren, auch ein Priester kann nicht alle Erwartungen erfüllen und macht Fehler - weil Gott „Menschen" in seinen Dienst beruft, keine Maschinen. Wie sollte ein Priester seinen Weg gehen können ohne vor sich selbst weg zu laufen oder an seinen Begrenzungen irre zu werden, wenn er auf die Einladung zur Versöhnung von Gott her und mit Gott verzichtet? Hier hört er neu den Zuspruch von Gott her - ich habe Dich in Deinen Dienst gerufen - mit Deinen Stärken und mit Deinen Schwächen - setze Deine Stärken weiter ein und arbeite an Deinen Schwächen! Nur wer versöhnt ist kann sich selber in den Dienst der Versöhnung stellen. Nur wer im Frieden ist kann dem Frieden dienen. Nur wer innerlich frei ist kann andere zur inneren Freiheit führen.
Das Wort des Paulus ist wegweisend: „nicht, dass ich es schon erreicht hätte" aber ich möchte nicht aufhören, mich nach Christus aus zu strecken. Deshalb ist für mich das Sakrament der Versöhnung ein so großartiges Geschenk, weil es hilft, mehr aus dem Leben zu machen, indem ich meine Schwäche oder mein Versagen nicht verdränge sondern es im Licht der Vergebung Gottes annehme, wenn ich im Bewusstsein meiner eigenen Begrenzung nicht stecken bleibe, „so ist es halt!", „so bin ich eben!", sondern mit dieser Erfahrung weiter gehen kann, im Vertrauen auf das Gute, das in mir lebt, an das mich dieser Gott erinnert und zu dem er mich ermutigt. Das zu vermitteln ist der Dienst der Kirche.
Lieber Benno, mit Dir dürfen wir den 60. Jahrestag Deiner Priesterweihe feiern. Heute morgen sagtest Du am Telefon „ich bin gar nicht aufgeregt!" Unaufgeregt feiern wir dieses Fest des Dankes. Es ist ein Gnadentag, der nicht selbstverständlich gefeiert wird, weil es nicht vielen vergönnt ist, diesen Gedenktag zu begehen. Ich wünsche Dir, dass Du die Zeit, die Dir von Gott gegeben bist weiter leben kannst im Vertrauen auf Seine gute Führung, auf seine Nähe, die uns gerade durch die Sakramenten so bereichert und stärkt - in diesem Sinn „sempre positivo - Halleluja". |