20 Jahre Mauerfall
Liebe Schwestern, liebe Brüder,
wir begehen einen denk- und dankwürdigen Tag:
vor 20 Jahren fiel mit der Mauer eine Installation, die nicht nur abstrakt eine Nation, ein Land, ein Bistum teilte, sondern ganz konkret unzähliges Leid über viele Familien, über viele Menschen brachte und viele so sinnlose Opfer forderte.
Deshalb ist es so wichtig an diesen Tag und an das Engagement so vieler zu erinnern, die den Fall der Mauer herbeigeführt haben: Menschen, die an die Wiedervereinigung ihres Heimatlandes geglaubt haben; Menschen, die zusammenführen wollten, was zusammen gehörte - weil die Trennung unnatürlich und unmenschlich war.
In diesen Tagen wird viel über dieses Ereignis in zum Teil bemerkenswerten Dokumentationen berichtet, über die Entwicklungen und über die Gefühle der Menschen gesprochen und es wird deutlich: Es waren die Menschen, die sich zusammenfanden weil sie so - in diesem Unrechtsstaat -nicht mehr leben konnten und leben wollten; die Menschen, die die Hoffnung nicht aufgaben; die Menschen, die sich in den Kirchen versammelten, die diskutierten und beteten um Gottes Geistesgabe der Weisheit, des Mutes, des guten Rates und den Geist des Friedens für alle, damit dieser große Schritt, der so viele Konsequenzen barg, ohne Gewalt gesetzt werden konnte.
Menschen haben gebetet im Osten und im Westen - in Leipzig aber auch in vielen anderen Gemeinden der damaligen DDR und auch hier in St. Ludwig - die Tafeln unseres Marienaltars erinnern an den Auftrag, den der damalige Bischof von Berlin Kardinal Döpfner unserer Gemeinde beim Aufstellen der Marienstatue mitgegeben hat: für die Einheit des Bistums und unseres Landes zu beten, dieses Anliegen nicht aus dem Blick zu verlieren oder zu vergessen - weil man sich gewöhnt konnte, nach zehn oder zwanzig oder vierzig Jahren und mehr...
Es waren die Menschen, die den großen Wunsch nach Freiheit und Wiedervereinigung nicht aufgeben wollten. Ein Gedanke, der auch in einem neuen geistlichen Lied ausgedrückt wird, das wir heute Morgen im Gottesdienst mit der ganzen Grundschule gesungen haben: „Wir singen diesen Wunsch, bis er sich erfüllt!" heißt es da. Der Wunsch, von dem in diesem Lied die Rede ist lautet: „dass jedes Kind auf der Welt lachen kann!" und: „dass jeder Mensch auf der Welt Freunde hat!" und: „dass jedes Volk auf der Welt Frieden hat"! - „Wir singen diesen Wunsch bis er sich erfüllt!" Und der Wunsch, dass unser Volk wiedervereint würde, dass die Mauer fallen werde wurde nicht vergessen, weil Menschen immer wieder daran erinnert und dafür gebetet haben - und dieser Wunsch wurde erfüllt - und wir waren „das glücklichste Volk auf der Welt!"

Liebe Schwestern und Brüder,
wir feiern mit Dankbarkeit diesen Tag, an dem vor 20 Jahren die Mauer gefallen ist.
Gefallen ist eine Mauer aus Beton und Stein - der Auftrag, der daraus für unser Volk erwachsen ist, ist noch nicht voll eingelöst - daran erinnern manche auch ernst zu nehmenden kritischen Stimmen in diesen Tagen. So wird der Tag des Mauerfalls auch zu einem Tag der Erinnerung an viele Aufgaben, die noch zu bewältigen sind, damit auch in unserem Land alle Kinder lachen können, jeder Mensch Freunde hat und Frieden in alle Herzen einzieht.
Wir brauchen dafür eine Vision - eine Hoffnung, die uns gegen jede Hoffnungslosigkeit drängt, an das Gute zu glauben und uns dafür einzusetzen. Durch diese Hoffnung ist eine Mauer gefallen, die auf Ewigkeit angelegt war - sollten wir aus der gleichen Kraft der Hoffnung nicht die Aufgaben bewältigen können, die unser Land heute bewegen?
Beten wir weiter - damit noch so manche Mauer in Köpfen und Herzen fallen kann. Amen

 
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