Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir heute in festlicher Weise des Schutzpatrons dieser Kirche gedenken - Gottesdienst zu Ehren des Heiligen Albertus Magnus feiern - dann schauen wir auf eine Persönlichkeit des Mittelalters mit ungeheurer Ausstrahlung, Bedeutung und Größe. Doctor universalis wurde er in seiner Zeit genannt - Universal"genie" würde man diesen Menschen heute wohl nennen - gebildet in allen wissenschaftlichen Disziplinen seiner Zeit. Seine Schriften aus dem Bereich der Theologie und Philosophie, der Medizin und der Naturwissenschaft zeugen davon.
Und doch geht es uns um mehr - wir wollen nicht stehen bleiben, bei dem Biologen oder Theologen einer vergangenen Zeit- sondern auf ihn schauen als einen Menschen, durch den etwas von der Liebe Gottes in die Welt geleuchtet hat. Das hat ihn zum Heiligen gemacht - zu einer Ikone Gottes.
In einer Predigt in Rom hat Papst Benedikt versucht, eine kurze Definition zu geben, was ein Heiliger ist: „Der Heilige ist der, der so sehr von der Schönheit Gottes und seiner vollkommenen Wahrheit fasziniert ist, dass er fortschreitend davon verwandelt wird. Wegen dieser Schönheit und Wahrheit ist er bereit, auf alles zu verzichten - auch auf sich selbst."
Ich möchte diese Worte des Papstes zur Anregung nehmen, in zwei Schritten über das Geheimnis der „Heiligkeit" nachzudenken: Ein erster Gedanke: „Der Heilige ist der, der so sehr von der Schönheit Gottes und seiner vollkommenen Wahrheit fasziniert ist, dass er fortschreitend davon verwandelt wird." Von der Schönheit Gottes und seiner vollkommenen Wahrheit fasziniert sein - so, dass ich verwandelt werde. Das ist ein großartiger Ansatz. Wo kann ich diese Schönheit Gottes noch so unmittelbar erfahren, dass sie mein Herz - so häufig überfrachtet und besetzt - wirklich erreicht? Manches Naturschauspiel weckt ein solches Gefühl einer tiefen Verbundenheit, eines Umfangenseins von einem Größeren, das Staunen über die Schönheit der Schöpfung und der Größe ihres Schöpfers. Manch junger Vater, der bei der Geburt eines Kindes dabei sein durfte erzählte mir, dass es ein großartiger Moment in seinem Leben war, sein Kind, zum ersten mal im Arm halten zu dürfen - überwältigend, weil da zum ersten mal für Ihn spürbar wurde, was Menschen so häufig in ihrem Kopf bedenken, durchdenken - was eigentlich „Geheimnis des Lebens" meint und wie sehr doch Gott mit dem Leben verwoben ist, wie nahe Gott uns sein kann, seiner Schöpfung, der wirklich Allmächtige.
Von der Schönheit Gottes und seiner vollkommenen Wahrheit fasziniert sein - so, dass ich verwandelt werde, heißt für mich: IHN an mich herankommen zu lassen - in den großen und in den kleinen Dingen des Lebens. Mir eine grundsätzliche Offenheit zu bewahren; mich von IHM überraschen zu lassen, mich von IHM ergreifen zu lassen. Denn das möchte ich schon glauben, dass dieser Gott, der immer größer ist, immer auch anders ist, wesentlich treu ist. Treu in seiner Zusage: suchst Du mich, dann findest Du mich - denn ich bin der „Ich bin da!" mit Dir und für Dich.
Und eine zweite Bewegung wird hier für mich wichtig: Um von der Schönheit und Wahrheit Gottes fasziniert werden zu können - so sehr, dass ich davon von verwandelt werde, brauche ich Zeit. Dieses heute so wertvolle Gut. Zeit, die ich IHM schenke - Stille, Betrachtung der heiligen Schrift - Gebet. Schauen wir auf die Heiligen, die uns durch das ganze Kirchenjahr begleiten und wir erkennen wie Menschen durch diese Form der Gottesbeziehung sich in der Beziehung zu den Menschen verändern können: gütiger werden, geduldiger und wohlwollender werden. Aus der Umkehr zu Gott, aus der Hinwendung zu Gott wächst im Menschen die Menschlichkeit, der wohlwollende Blick auf das Leben, die Schöpfung, den Nächsten - aus der Hinkehr zu Gott wächst die Kraft der Versöhnung mit mir, mit meiner Geschichte und auch mit denen, die mich zutiefst verletzt haben. In einem Lied der christlichen Jugendbewegung singen wir: „Im Anschau'n Deines Bildes - werden wir verwandelt in Dein Bild." Nicht von heute auf morgen - nicht mal eben, quasi nebenbei - sondern Schritt für Schritt, vielleicht mit Umwegen, die mich mein Leben führt; vielleicht mit Unverständnis, das mir von anderen entgegenkommt. Aber sicherlich zum Segen für mich und für mein Umfeld.
Ein zweites aus dem Ansatz Papst Benedikts: „Wegen dieser Schönheit und Wahrheit ist er bereit, auf alles zu verzichten - auch auf sich selbst."
Schwestern und Brüder, eines der größten Verlangen des Menschen ist das Verlangen nach Sicherheit. Gerade heute erleben wir, wie sehr Menschen, um einer solchen Abgesichertheit Willen sich verstricken lassen in bald unmenschliche Abhängigkeiten: ich will wirtschaftlich sicher leben - und lasse mir dafür die unverträglichsten Arbeitszeiten und Arbeitsverträge aufdrücken; ich will gesellschaftlich eingebunden und anerkannt sein - und muss jeden Trend mitmachen, damit auch ich „in" bin, dazugehöre, Bestätigung finde; und vor allem: ich will -grenzenlos- frei sein! Medien suggerieren eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, das immer Machbare, dessen einziger Werte- und Wertungs-Maßstab ich selber bin. Nur müssen wir schmerzlich erkennen, dass das Leben so nicht funktioniert. Der Mensch kann nicht ohne den Menschen leben; der Mensch kann nicht gegen die Schöpfung leben; der Mensch kann nicht ohne Gott leben. Der Mensch braucht ein Gegenüber - braucht einen Bezug zu DEM, der außerhalb seiner selbst ist: • nicht gemacht, • nicht einfach verfügbar, • nicht manipulierbar - Gott ist Gott und Gott bleibt Gott. Der Mensch braucht den Bezug zu Gott, der ihn ermutigt, sich nicht mit sich selbst - seiner eigenen Kraft, seinem eigenen guten Willen - allein zu begnügen und der ihn bestärkt, über sich selbst hinauszuschauen; der einlädt, den Kompass neu auszurichten, wenn sich der Weg als falsch erweist - ohne mich fallen zu lassen. Er braucht den Bezug zu Gott, bei dem ein „Mehr" an Leben, an Zukunft und Kraft zu finden ist.
„Wegen dieser Schönheit und Wahrheit ist er bereit, auf alles zu verzichten - auch auf sich selbst." Wer Gott hat, hat alles - Gott allein genügt. Nicht, dass wir uns um das tägliche Brot nicht sorgen sollen. Nicht, dass wir die Fragen um das Leben und die Zukunft unserer Gesellschaft vernachlässigen sollten. Nicht, dass das Leben einfach wäre! Aber, dass wir uns die innere Freiheit bewahren, die uns geschenkt ist - uns lossprechen und ausbrechen aus den Abhängigkeiten, in die wir uns zu schnell verstricken lassen: Habgier, Eitelkeiten, Unversöhntheiten, Unehrlichkeiten.
Viele Heilige verbindet diese Haltung: wenn ich innerlich frei bin, dann kann ich auf vieles verzichten, dann geht es letztlich sogar nicht mehr um mich, um meinen Ruf, meine Anerkennung - dann kann ich - im Wissen um das, was mir durch Gott gegeben ist - verzichten ohne zu verlieren.
Liebe Schwestern und Brüder, wir danken Gott, für das Beispiel seiner Liebe, das er uns in so vielen heiligen Männern und Frauen geschenkt hat - auch im Heiligen Albertus Magnus. Ob wir wirklich schon verstanden haben, was es bedeutet, Christus nachzufolgen? |