Predigt zu Christkönig

Liebe Schwestern und Brüder,
lesen wir aufmerksam in der heiligen Schrift, dann können ab und an zwei Fragen auffallen: „verstehst Du das?" - wird zum Beispiel der reiche Naaman gefragt, als er von Jesus hört.
„Verstehst Du, was Du über Jesus hörst?" immer wieder, wenn Du Gottesdienst feierst, wenn Du geistliche Literatur oder in der Heiligen Schrift liest, wenn Du Dir die Predigten anhörst oder von Auseinandersetzungen in Theologie und Kirche hörst? „Verstehst Du das?" - und die andere Frage: „glaubst Du das?" - die Frage, die Martha gestellt bekommt als sich Jesus ihr offenbart, nachdem sie ihren Bruder Laza-rus beerdigt haben - „wer an mich glaubt wird nicht sterben, sondern ewig leben!" - „glaubst Du das?"
Diese beiden Fragen bewegen mich am Christkönigssonntag.

Da geht es um „Wahrheit" - von Ihr hat Jesus Zeugnis abge-legt mit seinem Leben, in seinem Reden und Handeln, in der Art und Weise, wie er auf die Menschen zugegangen ist, sie aufgerichtet hat oder geheilt. „Ich bin dazu in die Welt ge-kommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege."
Und weil Jesus die Wahrheit hat - und weil er die Kirche ge-gründet hat - deshalb hat auch die Kirche immer geglaubt „die Wahrheit" zu haben und sie hat sich für sie eingesetzt und für die Verbreitung der Wahrheit gekämpft.


Aber welches Verständnis legt Johannes, der Evangelist, in diesen Begriff „Wahrheit" - was ist für Johannes „Wahr-heit"?
Mit Ausführungen von Karl Rahner, dem großen Theologen des vergangenen Jahrhunderts, möchte ich auf diesen Satz Jesu schauen. „Ich bin dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege." Er schrieb dazu:
„Man kann diese Wahrheit des Johannes nicht in den Plural setzen, sie ist nicht gleich der Wahrheit als einer Summe von Sätzen. Sondern, sie ist gemeint als Gegensatz zur Welt: „da-zu bin ich geboren und in die Welt gekommen."

Die Welt bei Johannes ist nicht das, was wir heute mit die-sem Begriff vergleichen - unsere Erde, Gottes gute Schöp-fung, mein Lebensraum und -horizont. „Die Welt", in der Sichtweise des Johannes hat eine andere, gegensätzliche, Be-deutung. Für ihn ist es „Finsternis, Dunkelheit, was sich Gott gegenüber versperrt, was das Licht nicht aufnehmen will. Welt heißt das, was am Sterben ist und am Vergehen,..." „Wahrheit" dagegen bedeutet für Johannes: „das Eine,..., das Treue und Zuverlässige, das was von Gott kommt, was er enthüllen muss, was noch eine Geschichte des Kommens in diese finstere Welt hat, was nur da ist, wenn Gott es offen-bart. Wahrheit ist bei Johannes einer dieser Begriffe wie „Licht" und „Leben", einer dieser Begriffe, der das Ganze sagt und alles umfasst, was unser Heil ist, das von Gott kommt, was er enthüllt, was erst da ist, wenn er uns in diese Wahrheit hineinnimmt. ... Nicht wir haben die Wahrheit, sondern wir sind in ihr!"

„Verstehst DU das?"
Für mich ein faszinierender Gedanke: es geht nicht um Recht haben, nach dem Motto: ich habe Recht, weil ich die Wahr-heit habe - wie viel Unheil ist durch einen solchen Ansatz in die Welt getragen worden - viel tiefere Bedeutung finde ich doch, wenn ich glauben kann, dass wir in der Wahrheit sind, wenn wir versuchen, uns der Wahrheit, die von Gott kommt, zu öffnen, wenn wir sein Wort hören und ihm vertrauen wol-len, diesem Jesus von Nazareth, der sich selber als König be-zeichnet, weil er die Wahrheit Gottes mit seinem Leben be-zeugt, die Wahrheit, die nicht gehört und nicht gesehen wer-den will.
Rahner schreibt: „Da steht die sich erschließende Wahrheit der Treue, des errettenden Erbarmens Gottes, in Jesus per-sönlich: Angeklagt, gegeißelt, mit Dornen Gekrönt,...: das ist die Wahrheit Gottes, die sich aussetzt diesem Geschick, sich siegend bezeugt, indem sie sich hineinbegibt in die Schmach, die ihr (diese) Welt zufügt. ...Wenn wir diese Wahrheit, die-ses Königtum Christi nicht begreifen, dann sind wir vielleicht gescheit,...aber wir stehen nicht in der Wahrheit, die allein Licht und Heil, Leben und Ewigkeit ist. Wir müssen diese Wahrheit des Kreuzes, das Sich-Beugen bis in den Tod hin-ein begreifen, um wirklich von der Wahrheit und nicht von gescheiten Sätzen etwas verstanden zu haben."

Schwestern und Brüder,
wie schwer zu ertragen sind solche Gedanken - es verbindet uns mit den Jüngern, die Jesus vor seiner Gefangennahme und seinem Tod bewahren wollten - weil sie ihn nicht ver-standen! Warum musst Du diesen Weg gehen? Du kannst so vielen Menschen so viel Gutes tun, sie heilen, ihnen die Ver-gebung Gottes zusagen, ihnen Mut machen und sie an die sich nie entziehende Liebe Gottes erinnern.
Aber damit würden sie an der Oberfläche bleiben - nur einen Teil der Wahrheit verstehen und verkünden, die von Gott kommt und Gott ist.
Und auch uns würde vieles von der Wahrheit Gottes und ih-rer heilenden Kraft verborgen bleiben, wenn wir nicht den Mut finden, uns ihr ganz zu öffnen. Denn das Licht will in die Finsternis - aber die Finsternis hat es nicht begriffen, die Seinen nahmen ihn nicht auf!

Rahner schreibt weiter:
„Könnten wir nicht, ohne Sprüche zu machen über die Kirche und ihre Macht, ohne parteipolitisch von der Kirche zu den-ken, in unserem Herzen mehr Raum schaffen und sagen:
Zerteile die Finsternis meines Herzens und gib, dass deine Wahrheit der Demut, der Treue, des Hoffens wider alle Hoff-nung, des seligen Vertrauens in mir sei als deine Macht, die dann gerade siegreich ist, wenn du erhöht am Kreuze alles an dich ziehst, auch mein armes Herz."

Schwestern und Brüder:
Darum nur kann es gehen, dass Menschen einen Weg, ihren Weg zu Gott finden, Vertrauen in IHN und seine Liebe, seine Barmherzigkeit - und so einen Weg zur Fülle des Lebens.
So möchte ich Kirche denken, das verstehe ich - und daran möchte ich auch glauben - und so kann ich auch heute Chri-stus als König feiern, den Zeugen der göttlichen Wahrheit. Amen.

 
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