Liebe Schwestern und Brüder, es hat wenige Gelegenheiten gegeben, in denen ich so ratlos war, ob ich meiner Predigt das Sonntagsevangelium zugrunde legen soll oder auf die aktuelle Situation eingehen, wie sie die Kirche von Berlin, die Kirche allgemein in Deutschland, den Jesuitenorden, das Priestertum erschüttert hat durch das Bekannt werden von Missbrauchsfällen von Schülern am Berliner Canisius Kolleg und zur gleichen Zeit in einer Berliner Kirchen-gemeinde.
Nicht-Ansprechen kann Unverständnis hervorrufen - genauso wie das darauf Eingehen.
Gedankensplitter:
- Wenig tröstlich, dass der Anteil der Missbrauchsfälle durch Priester weltweit weniger als 1.5% ausmachen soll.
- Wenig tröstlich auch, dass unser Kardinal bei der Konferenz der Dekane darauf hin-wies, dass es sich häufig nicht um sexuelle Handlungen im eigentlichen oder engeren Sinn handelt, die zwar kirchlich verwerflich aber wohl nicht von der staatlichen Behörde verfolgt werden.
- Enttäuschend, dass Priester Grenzen im Umgang mit jungen Menschen überschritten haben. Dass etwas vorgefallen ist, von dem Menschen im Rückblick sagen, das war nicht in Ordnung, da habe ich mich unwohl gefühlt, da ist mir Gewalt angetan worden, psychisch oder physisch.
- Bedauernswert, dass durch manche Medienberichte - nicht nur in dieser so sensiblen Thematik - immer mehr der Eindruck entsteht, dass eine gewisse Sensationslust von Menschen geweckt oder befriedigt werden soll. Nicht alles was wir lesen, sehen und hö-ren ist seriös recherchiert und nicht jeder Bericht verfolgt ein offen erkennbares Ziel. Schmerzlich für Priester und Gläubige: Verallgemeinerungen, „die Jesuiten", „die Prie-ster", „die Kirche". Es wird vermutet bis zur Verleumdung.
Wenn ich es dennoch wage, weiter über dieses Thema nachzudenken, dann kann es nicht um eine Erklärung der Vorgänge gehen, das wäre anmaßend, weil mir einfach das Hin-tergrundwissen fehlt - wie vielen, die darüber berichten übrigens auch. Mir soll es um Wahrheit gehen und die Wahrhaftigkeit des Priestertums. Wahrheit ist, dass es auch unter Priestern kranke, verkümmerte Seelen, das hat nichts mit einer sexuellen Veranlagung zu tun. Es sind Minderheiten - sicherlich. Das darf kei-ne Entschuldigung für Fehlverhalten sein - aber es lässt wahrnehmen, dass Priester al-lein durch die Ausbildung zum Priestertum und den Empfang des Weihesakramentes nicht automatisch „gute" Menschen werden, auch im moralischen Sinn, Menschen, die über allem stehen, die nicht in Versuchung geraten können oder geraten. Wie jeder Ge-taufte wollen auch jene, die sich in den priesterlichen Dienst berufen fühlen, erst „heilig" werden, heil, gereifte und geläuterte, lautere Menschen. Es scheint nicht immer zu ge-lingen. Zu vielschichtig ist der Mensch, der neben seiner Sonnen- auch eine Schattensei-te hat, die er vielleicht nicht wahrhaben möchte, zu der er nicht offen stehen kann aus Angst, abgelehnt zu werden, Sympathie zu verlieren. Rein menschlich - so nachvoll-ziehbar, weil Teil menschlichen Lebens. Wie jeder andere Mensch auch braucht der Priester Beziehung zu Menschen, auch als Korrektiv, aber mehr noch seine ganz persönliche Beziehung zu Gott, um den Weg sei-ner Berufung zu gehen, um seinen Gelübden treu zu bleiben, um wieder zurück kehren zu können, wenn er auf einen Irrweg geraten sein sollte. Hier liegt sicherlich auch ein geistliches Problem. Priester wollen „Geistliche" sein, wie oft vertrocknet aber gerade die Gottesbeziehung wenn es nicht gelingt, sich bewusst jeden Tag neu Zeit zum Gebet zu nehmen, die Feier der Eucharistie oder die Feier des Sakramentes der Versöhnung vernachlässigt werden, wegen der Fülle der Arbeit, der fehlenden Zeit - den vielen Ab-lenkungsangebote im Fernsehen, im Internet.
Von vielen, die sich in diesen Tagen berufen fühlen, sich zu äußern, gibt es eine Fülle von Erklärungen: der Zölibat ist Schuld, die Sexualmoral der Kirche ist Schuld - oder sie, die Kirche an sich, in ihrer Struktur. Ich möchte darauf sagen: Der Zölibat ist eine großartige Lebensform, durch die ein Mensch frei wird für seinen Dienst an den Menschen und vor Gott - er muss aber geistlich gefüllt sein. Die Sexualmoral der Kirche, über die so verallgemeinernd hergezogen wird, sollte vor einer Verurteilung studiert werden, um zu erkennen, welches Denken sie prägt und zu erkennen, wie sehr sie den Mensch in seiner Verantwortung vor sich selbst und im Um-gang mit einander und den Wert des Menschlichen Lebens in den Mittelpunkt stellt. Die Strukturen in der Kirche machen nur dann Sinn, wenn sie dem Menschen dienen und der Verehrung Gottes, der Ausbreitung des Evangeliums in Wort und Tat, in Geist und Wahrheit. Wo das nicht mehr gewährleistet ist muss sich die Kirche mit Fragen und Schwächen auseinandersetzen, um angemessene Antworten zu finden.
Liebe Schwestern und Brüder, in diesen Tag sehe ich auf den Papst, die Bischöfe und Ordensleitungen. Durch manche ihrer Reaktionen wächst in mir die Hoffnung, dass wir als Kirche auch aus diesen be-schämenden Erfahrungen lernen können: Systeme und Umgangsformen zu schaffen, durch die ein fragwürdiger Umgang mit anderen nicht im Verborgenen bleiben kann, Wegschauen und Verschweigen nicht geduldet wird, durch die - schon in der Auswahl der Priesterkandidaten und der Priesterausbildung aber auch in der Begleitung von Prie-stern im aktiven Dienst oder im Alter, die menschliche, psychische und moralische Reife gefördert wird - was allgemein gesellschaftlich ein ebenso wünschenswertes Ziel wäre.
Vielleicht ist es an der Zeit, demütiger zu werden. Aus der Erfahrung der eigenen Schwächen und Gebrochenheiten barmherziger mit den Menschen um zu gehen, deren Leben nicht so glatt läuft, wie es die Kirche sich wünscht. Es bleibt über dieses Thema ein ungutes Gefühl, eine Verunsicherung bei den Men-schen. Der Psalmist betet: „erschaffe mir Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, be-ständigen Geist." Vielleicht können wir nur demütig und bescheiden darum beten.
Fürbitten: Wir tragen unserem Herr Jesus Christus; unsere Bitten und Gebete vor:
Wir beten für alle, die ohne es zu wissen, nach der Wahrheit des Wortes Gottes hungern: Lass sie deine Stimme vernehmen und die Kraft deiner Frohen Botschaft entdecken.
Wir beten für alle, die auf der Suche nach Lebensinhalten süchtig nach Alkohol, Rauschgift, Genussmitteln oder beruflichem Erfolg geworden sind. Zeige ihnen den Weg zum wahren Leben.
Wir beten für alle, die du in deine Nachfolge gerufen hast. Hilf ihnen, treu und aufrichtig ihre Berufung zu leben und lass sie nicht müde werden, aus dem Reichtum des Glaubens zu schöpfen und davon allen Menschen mitzuteilen. Wir beten für Menschen, deren Vertrauen missbraucht wurde, die Opfer von Übergriffen durch Priester wurden - hilf Ihnen sich aus zu söhnen mit den Schwächen und der Schuld Deiner Kirche.
Wir beten für den Papst und für die Bischöfe, denen du die Sorge für dein Volk anvertraut hast. Schenke ihnen ein offenes Ohr für die Nöte der Menschen und den Mut, neue Wege der Seelsorge zu gehen.
Wir beten für alle, die dein Wort hören und für deine Frohe Botschaft offen sind. Zeige ihnen Wege, wie sie heute dir nachfolgen und ihr Leben in deinen Dienst stellen können.
Du, Herr, führst uns die Wege, die Gott für uns vorgesehen hat. Dir folgen wir und dir vertrauen wir uns an. Amen. |