Schien es nicht so, liebe Schwestern und Brüder, dass das Interesse der weiteren Gesellschaft unseres Landes am Leben der katholischen Kirche geringer und geringer würde? Die Grundbewegung der Diskussion, die ja durchaus auch ernsthaft mit großer Sorge und Betroffenheit geführt wird, angesichts der immer größer werdenden Zahl der Übergriffe und sexuellen Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen, durch Priester, Ordensleute und ihre Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter, scheint etwas anderes aus zu drücken, vielleicht für manche unerwartet oder kaum mehr erwartet: die Gesellschaft erwartet, dass diejenigen, die sich katholisch nennen, auch katholisch leben. Mit allen Konsequenzen - und sie erwarten es zu Recht!
Einmal und in besonderer Weise von den Priestern und Ordenschristen der Kirche, denn sie wollen ja mit ihrem ganzen Leben von der Liebe und Treue Gottes künden - dafür nehmen sie den Zölibat auf sich, um sich mit Leib und Seele für die Sache Got-tes und das Wohl des Menschen ein zu setzen. Dann aber auch von allen, die sich zur katholischen Tradition bekennen - und ich ziehe den Kreis gern weiter: dass diejeni-gen, die sich Christen nennen auch christlich leben, nach dem Evangelium Jesu! Ich maße mir nicht an, erklären zu wollen, warum solche Übergriffe an Kindern und Jugendlichen aber auch an erwachsenen Menschen, geschehen konnten. Ich lese die Berichte, ich höre die Kommentare in den Medien, wir führen viele Ge-spräche mit Gemeindemitgliedern, die verunsichert sind oder enttäuscht. Die Kirche in Deutschland, diese so reiche Kirche, erfährt eine ungeheuere Erschütterung. Da bricht nicht etwas Bedrängendes von außen über die Kirche ein - es bricht etwas von Innen her auf, wie ein Krebsgeschwür. Und das, was faul war, was zum Himmel stinkt, es kommt ans Licht und wir müssen durch diesen schmerzhaften Prozess hin-durch. Die Gesellschaft lässt nicht zu, auf einige wenige zu verweisen - da wird mit-gehaftet: was habt ihr gewusst, warum habt ihr geschwiegen? Ein schmerzhafter Weg, weil in einem alles aufbegehren möchte, wenn Menschen, die schon längst der Kirche skeptisch gegenüber standen, mit Häme reagieren, wenn undifferenziert alle und alles über einen Kamm geschoren wird - die Priester, die Or-densleute, die Kirche. Es schmerzt, wenn ein fraglos natürlicher Umgang mit Kindern und Jugendlichen in den Gemeinden auf einmal wie mit einem „Vorsicht!"-Schild bedacht werden muss - Erstbeichte von Kommunionkindern im Beichtzimmer - Tür auf oder Tür zu? Kinder und Jugendliche, Schutzbefohlene müssen fraglos geschützt werden - Priester aber auch, vor übler Nachrede, vor Interpretationen. Wenn es dem Guten dient, wenn durch Aufklärung und Prävention Vertrauen in die Kirche gestärkt oder wieder gewonnen werden können, dann müssen wir durch diesen schmerzhaften Prozess hindurch. Ich glaube fest daran, dass wir dadurch auch die reinigende Kraft dieses Prozesses erfahren werden. Reinigend von allem Schein, der die Wahrheit verdunkelt. Und das ist etwas, was mich persönlich stark beschäftigt, berührt es doch die Frage nach der persönlichen Integrität. Erwartet die Gesellschaft „perfekte", „makellose" Priester? Bin ich „perfekt" - nein! Unsere Gesellschaft scheint so zu funktionieren, dass nach Verantwortlichkeit und Verantwortung erst dann gerufen wird, wenn Verfehlungen öffentlich werden. Wer ist nicht schon einmal bei Rot über eine Ampel gefahren? Wer hat sich nicht schon einmal auf Internetseiten verirrt, auf denen er nicht surfen sollte? Wer hat nicht schon einmal maßlos gelebt und sich dabei maßlos überschätzt? Wir brauchen keine „perfekten" Priester - wir brauchen Priester, die Vorbilder in der Umkehr sind. Wenn ich als Priester lebe - bin ich immer und zuallererst einem ganz anderen ver-pflichtet, muss ich gegenüber einem anderen Rechenschaft ablegen über all mein Denken, mein Reden und Handeln: „Gott"! Wie wollte ich andere zu Gott hin bekehren, wenn ich mich selber der Umkehr ent-ziehe? Wie wollte ich anderen Wege zu Gott ebnen, wenn ich mich selber der Barm-herzigkeit Gottes verweigere? Es geht nur, wenn ich mich als Priester immer wieder im Sakrament der Versöhnung der Barmherzigkeit Gottes anvertraue, ihm Schwä-chen, Fehlverhalten und Schuld offen lege - und die Worte der Vergebung höre, die mich ermutigen, mit der Gemeinde, mit den mir anvertrauten Menschen - jung oder alt - den Blick über die eigene Begrenztheit hinaus zu wagen - mein kleines Leben in das Licht der göttlichen Hoffnung und des göttlichen Vertrauens zu heben. Das Bewusstsein der eigenen Schwächen und Grenzen aber lässt bescheiden werden - Gott gegenüber, dass er mich in seinen Dienst gerufen hat - und den Menschen ge-genüber, dass ich mit ihnen diesen Weg gehen darf. Ein reinigender Prozess - reinigend für das Selbstverständnis der Kirche und das Selbstverständnis ihrer Priester - nicht über den Menschen zu sein, nicht über den Dingen zu stehen, sondern mit ihnen durch das Leben zu gehen und nach den Spuren Gottes im Alltag zu suchen, mit ihnen den Glauben zu feiern, dass das Göttliche in uns einmal so aufscheinen wird, wie bei der Verklärung Jesu. Vielleicht ist da der Ansatz des Heiligen Franziskus hilfreich - er nannte seine Brüder „mindere", denn sie wollten sich nicht höher dünken, nicht besser ansehen, als die Menschen, die sich vertrauensvoll an sie wandten mit ihren Fragen und Sorgen, ihren Schwächen und ihrer Schuld. Bescheidener werden, demütiger, bewusst an der Seite der Menschen sein wollen, ihr Leben nicht überbürden mit Vorschriften und Verhaltensmaßregeln, sondern lebenswerter machen durch die Frohe Botschaft Jesu, ich glaube, ein Pro-zess, der unserer Kirche gut tut. Wagen wir es, diesen schmerzhaften und reinigenden Prozess an zu nehmen, werden wir seine heilende Kraft erfahren. Das ist etwas, das ich allen Opfern und Tätern wünsche, unserer Kirche und unserer Gesellschaft. Denn die Not, die sich hier so ex-emplarisch im Leben unserer Kirche zeigt, verbindet uns mit der Not vieler Opfer und Täter in unserer Gesellschaft. Heil werden - an Seele und Leib. Das ist der Dienst, den die Kirche anbieten kann - zum Lob Gottes und zum Heil der Menschen. Amen. |