Predigt zum 7. Ostersonntag

Liebe Schwestern und Brüder,
mit dem heutigen Sonntag geht der zweite Ökumenische Kirchentag in München zu Ende. Über 120 000 Christen aller Konfessionen haben sich auf den Weg gemacht - gern erinnere ich mich an die Gruppe der Fahrradpilgerinnen und -pilger aus ganz Deutschland, die von St. Ludwig aus vor 14 Tage aufgebrochen sind, um zu diesem ökumenischen Groß-ereignis zu pilgern, Gemeindemitglieder von St. Ludwig nehmen teil und in den Medien konnten wir das ein oder andere mit verfolgen.
Eine Frage, die dieses große Christentreffen begleitete war: wie gehen die versammelten Christen, Laien und Bischöfe, mit der Frage des sexuellen Missbrauchs und der Gewaltan-wendung in kirchlichen Einrichtungen um.

 


Ich glaube, dass durch eine intensive Diskussion, nicht allein zu diesem ökumenischen Kirchentag sondern in den vergangenen Wochen deutlich werden konnte, dass wir uns als Kirche der Verantwortung stellen und lernen wollen, heute an-ders, ehrlicher und offener mit Konflikten, Krisen und Pro-blemen in den eigenen Reihen um zu gehen.
Ein angemessenes Zugehen auf Betroffene, ein Hinhören, Wiedergutmachen - im Rahmen des möglichen - werden die Schritte sein, die jetzt gesetzt werden müssen, damit das Umdenken und ein verändertes Handeln von Verantwortlichen der Kirche glaubwürdig wahrgenommen und anerkannt wird. Das ist ein schwerer weil sensibeler Weg: denn es geht nicht nur um das Hinhören-Wollen der Kirche sondern auch um ein Reden-Wollen der Betroffenen; es geht nicht nur um ein Um-Vergebung-Bitten der Kirche sondern auch um ein Vergeben-Können durch die Betroffenen.
Wenn aber die ganze so beschämende Auseinandersetzung dem Schutz der Kinder und Jugendlichen dient, die uns heute in den Gemeinden, in den kirchlichen Verbänden und Grup-pen anvertraut sind und einer größeren Aufmerksamkeit für ihre Anliegen und Sorgen, dann setzen wir nicht nur inner-kirchlich sondern gesamtgesellschaftlich einen großen und wichtigen Schritt.
Wir wollen keine Vertuschung.
Wir stehen ein für Fehler, die in der Vergangenheit begangen wurden.
Wir bitten um Vergebung, wo Vertrauen missbraucht wurde.
Wir setzen uns ein für eine stärkere und klare Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen und für Präventionsprogramme, sei es in der Ausbildung der Priester, sei es in der Begleitung von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen - aber wir dürfen auch nicht zulassen, dass die Kirche, die Priester und Or-denschristen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in kirchlichen Kindergärten, Schulen, Freizeiteinrichtungen mit einem Generalverdacht belegt oder gar verleumdet werden.

 

Der Maßstab unseres Handelns, des Handelns der Kirche ist und bleibt Jesus Christus. Vor ihm haben wir uns als Getaufte in erster Linie zu verantworten.
Christus beschämt uns, wenn wir seinem Auftrag nicht ge-recht geworden sind; Christus ruft uns zur Umkehr; Christus, der den Sünder nicht vernichtet, sondern Aussöhnung anbietet! Aussöhnung auch mit den Kräften, die den Menschen prägen - wie gehst Du um mit Deiner Sehnsucht nach Geborgenheit, mit Deiner Sexualität, mit Deinen Aggressionen, mit Macht und Karrierestreben?

In seinem Schreiben an die Christen in Irland hat Papst Be-nedikt diese Dimension, die uns ja als Glaubensgemeinschaft eigen ist, bemerkenswert hervorgehoben.
Für mich beinhaltet sein Schreiben die mahnende Einsicht: bevor wir anderen sagen wie sie zu leben haben, müssen wir uns prüfen wie redlich, ehrlich wir als glaubende Menschen leben und zwar Priester und Laien, in allen Bereichen unseres Lebens! Ehrlich Rechenschaft ablegen - und wo nötig umkehren zu Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Klarheit!

Dann muss sich die Kirche fragen, wie nah die gewachsene Lehre noch am Leben der Menschen ist, auch ihre Morallehre, ob sie von nicht Hauptamtlichen überhaupt noch verstanden wird.

Eine christliche Moral, die aus dem Glauben an Jesus Christus erwächst, wird immer das Wohl des Menschen im Blick haben.

Eine christliche Moral wird sich immer für den Schutz des Lebens einsetzen.

Eine christliche Moral wird sich immer auch wieder überprüfen lassen müssen und fragen: wie wäre Jesus heute mit den Menschen umgegangen angesichts veränderter Lebensumstände, vielfältiger Lebensentwürfe, angesichts von Weiter-entwicklungen in der Medizin und Medizintechnik, in der Psychologie. Zum Wohl der Menschen!

Ich erinnere mich, dass Jesus nur denen mit heiligem Zorn begegnet ist, die die Gesetze über den Menschen stellten, die anderen Lasten aufbürdeten ohne sich selbst an ihren Kriterien messen zu lassen und die das „Opfer" höher einstuften als die Barmherzigkeit.

Liebe Schwestern und Brüder,
wir müssen als Kirche weiterdenken - und ich habe mit gro-ßer Freude gesehen, dass viele Menschen, jung und alt, auf dem ökumenischen Kirchentag die virulenten Fragen, die das Leben stellt, lebendig miteinander diskutiert haben. Für die Zukunft unserer Kirche wünsche ich mir viele kritische Gläubige, die in ihrer Kirche beheimatet bleiben, weil sie in ihr Christus begegnen und miteinander ein glaubwürdiges Zeugnis für ihn ablegen können.
Ich wünsche mir mutige Gläubige, die auch die unbequemen Themen in der Kirche immer wieder ins Gespräch bringen und die dabei nicht müde werden, sie zu benennen! Dabei müssen wir unsere Bischöfe nicht schonen: sie sind die Hirten, die uns helfen sollen, Wege zu erkennen und einzuschla-gen, damit auch morgen katholische Christen in Deutschland leben können.
Wir müssen Kirche weiterdenken. Zusammen auch mit unse-ren Schwestern und Brüdern in anderen Konfessionen.

Liebe Schwestern und Brüder,
beim ökumenischen Kirchentag wurde ein gemeinsames Mahl gehalten, das in eine von den orthodoxen Christen ge-staltete Vesper eingebunden war. Am Ende ergriff der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos das Wort und appellierte an die Kirchentagsbesucher: „Wenn Sie in Ihre Heimatorte zurückkehren, gehen Sie aufeinander zu." Und er machte mit einem Satz klar, dass Ökumene in Deutschland auch ein Stück praktische Integrationspolitik bedeutet.
„Besuchen Sie sich gegenseitig und fassen Sie dabei auch Ihre orthodoxen Geschwister und Nachbarn ins Auge." Welch ein Betätigungsfeld bietet uns da unsere Stadt Berlin!

Wenn wir Kirche weiterdenken wollen können wir das nur im Dialog mit unseren Schwestern und Brüdern anderer Kon-fessionen! Wir können es nur miteinander, nicht ohne die an-deren und schon gar nicht gegen sie!
Und als Metropolit Augoustinos vor seinem Segen ausrief „Gott schenke uns die Einheit", wollte der Applaus nicht mehr aufhören.
„Vox populi, vox dei"!
Ich kann Gottes Wort in der Stimme des Volkes entdecken!
„Herr, gibt uns Mut zum Brückenbauen - gib uns den Mut zum ersten Schritt!", damit alle eins werden! Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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