Predigt vom 6. Sonntag
Liebe Schwestern und Brüder,
die Bilder lassen uns nicht los: fanatisierte Orientalen greifen westliche Botschaften an — geschürter Hass entlädt sich gegen, ja wogegen eigentlich? Ist es ein Kampf der Kulturen — liegt hier eine Auseinandersetzung der Religionen vor?
Verunsicherung macht sich breit — es ist von Angst die Rede. Nachvollziehbar — angesichts der Ereignisse um den 11. September 2001, die Attentate von London und Madrid — gleichzeitig wird der Ruf nach Respekt vor der Religion laut und nach Dialog.

Im "Wort zum Sonntag" gab es gestern Abend für mich einen Schlüsselgedanken. Die Frage wurde gestellt: angesichts geschichtlicher Entwicklungen — Stichwort Kreuzzüge, oder dessen, wie Menschen orientalischer Länder "den Westen" kennengelernt haben — mehr interessiert an den Ölvorkommen als an ihnen und ihrem Leben, ihrem Glauben, ihrer Kultur — "woher sollen sie denn glauben können, dass das Christentum ein Segen für die Welt sein soll?"
Eine interessante Frage — auch über die aktuellen Entwicklungen hinaus: woran wird deutlich, dass das Christentum ein Segen für die Welt ist?

Also: wo stehen wir - - - rufen wir nach der Theorie des Dialoges zwischen den Religionen und Kulturen, die von einigen Repräsentanten der Kirchen oder der Politik dann in diplomatisch-gefaßten Reden Umsetzung findet, die uns aber nicht weiter beansprucht oder suchen wir den Dialog an sich?

Es durchzuckte mich gestern Abend: müssten wir nicht — als Christen — an der Seite unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger auf die Straßen gehen und gegen jede Form der Respektlosigkeit auch unterschiedlichen Glaubenstraditionen gegenüber demonstrieren? Müssten wir uns nicht solidarisieren, um deutlich zu machen: hier geht es nicht um einige Karrikaturen — die dann auch noch in z.T. verfälschter Form benutzt wurden — hier geht es um die Frage des Respekts vor dem Menschen, seinem Leben, seiner Kultur und seiner Glaubenstradition — und diese Frage verbindet — über Religionsgrenzen hinweg. Dabei sind Meinungsfreiheit oder künstlerische Freiheit als hohes Gut zu schätzen und zu schützen — aber ich habe auch einmal gelernt: meine Freiheit hat seine Grenze da, wo ich die Freiheit des anderen verletze.

Schauen wir auf das heutige Evangelium.
"Ich will es, werde rein." 
Liebe Schwestern und Brüder, das Wörtchen "werde" kann uns an den Schöpfungsbericht des Alten Testamentes erinnern, in dem wir aus der Sicht des Glaubens des Volkes Israel vor vielen hundert Jahren erfahren, dass durch das Wort Gottes alles geschaffen wird.
"Eine Hand voll Erde, schau sie Dir an, Gott sprach einst, es werde — denke daran!" — so singen wir in einem Lied der religiösen Jugendbewegung: Gott sprach "es werde" — und er sah, dass es gut war auch das hören wir in diesem alten Text. "Ich will es, werde rein." — und es wird deutlich, dass mit der Heilung durch das Wort Jesu Schöpfung geschieht. Die Schöpfung wird erneuert. In der Heilung zeigt sich Gottes Macht. In seinen Heilungsgeschichten vermittelt Markus, wer der Christus unseres Glaubens wirklich ist: Gott! Der menschgewordene, inkarnierte Gott.

Was erfahren wir in der jüdisch-christlichen Tradition über den Gott des Volkes Israel — JHWE — den Vatergott des Jesus von Nazareth, der der Christus unseres Glaubens ist?
In der Bibel lesen wir von einem Gott, der "JA" sagt zum Leben, der mit seiner Schöpfung auf dem Weg ist, der seine Schöpfung nicht verlässt.
Wir lesen: dieser Gott sieht das Elend seines Volkes und hört die Klage der Menschen, denn: Gott hat ein mitleidendes Herz.
Wir lesen von der Macht Gottes, der Macht der Liebe die in Jesus geerdet wird.
Gott, wie Jesus ihn uns zeigt, will weder Krankheit der Menschen noch ihre Unterdrückung durch andere Menschen. Er will weder Hunger noch Gewalt. Er will nicht den Tod. Er will das unbeschädigte, sich voll entfaltende Leben. Er will alle und alles in sich und untereinander versöhnen.

Liebe Schwestern und Brüder, im Anfang war das Wort einer unzerstörbaren Liebe — und: "es war alles gut" - Trennungen und Konflikte, die die Menschheit immer wieder erschüttert haben, die Kategorisierungen und Disqualifizierungen, die wir auch heute feststellen: Blume — Unkraut; Freund — Feind; rechgläubig — ungläubig, die haben wir Menschen gemacht — und wir machen sie immer noch! Und Menschen meinen dann auch noch, Gott auf ihrer Seite zu haben — weil sie sich im Recht fühlen, weil sie glauben, eine tiefere Einsicht, ein fundierteres Wissen über Gott zu haben. 
Eigentlich müsste es anders sein — wenn Gott sein Wort der unerschütterlichen Liebe in seine Schöpfung hinein gesagt hat, dann bedeutet es doch, dass wir in allem Geschaffenen, in jedem Menschen, sogar in jeder Religion Zeichen seines Wirkens und seiner Gegenwart erkennen können.

Wenn nun Respekt vor der Religion gefordert wird — und zwar gegenseitiger Respekt — dann ist dieser Respekt nicht eine zusätzliche Aufgabe, sondern dann ergibt sich dieser — quasi als logische Konsequenz — aus der Grundlage des Glaubens an Gott.
Ich sehe drei Aufgabenfelder:
1. Eine politisch Aufgabe: das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Völkern — im Rahmen der vielleicht auch je begrenzten Möglichkeiten — mit Geduld und Beharrlichkeit aufheben zu helfen, damit in allen Ländern gerechte soziale und wirtschaftliche Strukturen aufgebaut werden können.
2. Eine theologische Aufgabe: auf der Grundlage des Glaubens an den einen Gott das Gespräch unter den Religionen zu suchen und den Dialog zu fördern, eine Selbstverpflichtung einzugehen, das Verbindende mehr zu betonen als das Trennende, damit von der Grundlage des Gemeinsamen her der Frieden der Welt gesichert wird. Und:
3. eine persönliche Aufgabe, für Gemeinden und uns einzelne: Kontakte knüpfen und pflegen, das Gespräch suchen, Interesse zu zeigen, um so Angst vor dem anderen, dem Fremden abzubauen. - Sind wir dazu bereit?
P. Hans-Georg Löffler 
 
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