Primizpredigt für Marc-Anton Hell

Von P. Hans-Georg Löffler ofm am 29.06.2008 gehalten in der St. Ludwig-Kirche, Berlin-Wilmersdorf

Lieber Marc-Anton,
liebe Familie Hell,
liebe Mitbrüder,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben.

Das ist doch mal wirklich etwas Besonderes: ein junger Mann entschließt sich in dieser Zeit, in dieser Gesellschaft zu einem Weg, für den er gesamtgesellschaftlich gesehen kaum mehr Verständnis zu erwarten hat: zu eigensinnig scheint diese Entscheidung, zu weit weg vom Leben und Verständnis „der Menschen" heute: „Kirche" kommt in weiten Kreisen kaum noch vor oder wird mehr als kritisch gesehen. Da wird „Kirche" von manchen reduziert auf Fehlentwicklungen in der Geschichte oder einen weltweiten Machtapparat, der mit Unterdrückung und Angst Menschen eben nicht in die „Freiheit" der Kinder Gottes geführt und so seine Daseinsberechtigung lange verloren hat. Manche sind enttäuscht vom „kirchlichen Bodenpersonal" - nicht immer zu unrecht, wenn der Eindruck entsteht: Gesetze und Normen werden viel-leicht doch höher gestellt als der Mensch, der mit seinen Sorgen und Fragen, mit dem gelebten Leben an die Kirchentüre klopft und ein Wort der Ermutigung erbittet, Orientierung, eine Chance zum Neuanfang oder einfach Akzeptanz so zu sein, wie Gott ihn als Menschen geschaffen hat, mit seiner Hautfarbe, mit seiner sexuellen Ausrichtung, mit dem Gelingen und Scheitern seines Lebens - andere fühlen sich einge-engt durch kirchliche Regeln und Normen, wieder andere können den Sinn nicht erkennen, sich in eine Glaubensgemeinschaft integrieren zu sollen, sehen die Umsetzung von Glauben im Leben als auferlegte Last an: beten zu müssen, Gebote halten zu sollen, Nächste zu lieben - angesichts starker Individualisie-rungstendenzen erstaunt es nicht, dass auch der Glaube immer mehr in den Privaten Bereich zurückgedrängt wird; Glaube und Religion haben nicht politisch zu sein, Glaube und Religion sollen das gesellschaftliche Leben nicht stören - Gott für die Frommen, Brot und Spiele den Armen! Ein System, das in der Geschichte immer wieder auch funktioniert hat.

In diese Entwicklung hinein sagt ein junger Mann - sagst Du, Marc-Anton Hell - ad sum! Und viele von uns durften es gestern in der Kathedrale mit feiern. Ich bin bereit, ich nehme Deinen Ruf, Christus, und Deine Sendung an! Wenn Du mich in diesen Dienst rufst, dann will ich Dir folgen, Dir und Deinem Evangelium, in dieser Kirche, in dieser Lebensform - denn „Deine Liebe ist schön - viel köstlicher als Wein".

Wir spüren, Schwestern und Brüder, wer dieses Wort aus dem Hohenlied des Alten Testamentes wählt, um es als Leitgedanken über seine Einladung zur Priesterweihe zu setzen, der muss Religion, Kirche, Glauben an einem bestimmten Punkt seines Lebens „anders" erfahren haben. Es muss ein Mensch zutiefst angerührt worden sein, vielleicht wie ein inneres Beben, das die gewohnte Ordnung oder auch die Un-Ordnung durcheinander bringt!, zum Nachdenken herausfordert - ich könnte gar nicht anders! - als zu reflektieren, aus zu schauen: wer soll der Inhalt meines Lebens sein?

In dieser Zeit und Gesellschaft findet ein Mensch nicht leicht und nicht „mal eben so", nebenbei, zum Eigentlichen, zur Wahrheit und Schönheit des Glaubens - Marc-Anton, Du hast es in der Zeit Deines Di-akonates hier in St. Ludwig immer wieder auch erzählt, dass dieser Weg hin zur Erkenntnis: dieser Chris-tus bedeutet mir etwas; dieser Christus hat mir etwas in mein Leben hinein zu sagen, ich will mich auf ihn einlassen - kein leichter Weg war, für Dich nicht und auch für die Menschen nicht, die Dich in auch auf schweren Wegstrecken begleitet haben.
„Wie schön ist Deine Liebe - wie viel köstlicher als Wein!"

Einer, der das in besonderer Weise für sich erfahren hat ist der Heilige Paulus, dessen Geburt vor 2000 Jahren Papst Benedikt mit einem besonderen Jahr in Erinnerung rufen will, das gestern begonnen hat. Wir kommen nicht umhin, am heutigen Hochfest der Apostel Petrus und Paulus seiner zu gedenken.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch schreibt dazu:
„Er, (Paulus), der vom Glauben getragen war, dass mit Jesus Christus, dem auferweckten Gekreuzigten, die Zeit angebrochen ist, in der allen Menschen das Heil zuteil werden soll, fühlte sich „Griechen und Nichtgriechen, Gebildeten und Ungebildeten verpflichtet. ... Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt" (Röm 1,14f.) - für diese frohe Botschaft war er bereit, bis an die - geographischen wie physischen - Grenzen zu gehen und er ist an die Grenzen gegan-gen, hat versucht, bestehende Grenzen zu überwinden und Brücken unter den Menschen zu bauen. Dabei vermochte er es wie kein anderer, das Evangelium von der unverdienten Liebe Gottes in unterschiedliche Lebensräume hinein zu übersetzen, weil er die Sprache seiner Hörer sprach: Zu den Juden als Jude, zu den Griechen als Grieche, zu den Schwachen als Schwacher (vgl. 1Kor 9,20f.). Indem er seine Hörer am Wort Gottes und an seinem Leben teilhaben ließ (1Thess 2,8), war er den Menschen nahe."

Schlüsselworte eines priesterlichen Lebensverständnisses finde ich hier wieder, die ich in Wünsche für unseren Neupriester fließen lassen möchte:

 

  • Paulus ist für die Grundverheißung eingetreten, dass „mit Jesus Christus, dem auferweckten Ge-kreuzigten, ...allen Menschen das Heil zuteil werden soll". Weil Paulus selber von der Liebe Got-tes in Jesus Christus so ergriffen war, dass es sein Leben von Grund auf veränderte, konnte, ja musste er sich den Menschen zuwenden, um ihnen diese frohe Botschaft zu vermitteln, konnte er das Trennende nicht einfach stehen lassen. Allen Menschen wird in Jesus Christus das Heil Gottes zugesagt, unverdient, bedingungslos - welch großartige, befreiende Erkenntnis: Gott ist sich treu, Gott lässt keinen fallen, grenzt keinen aus, der redlich sucht und fragt. Kirche hat davon zu künden, nicht nur mit Worten sondern im Leben und Handeln! Diese Grundaussage wird zum Maßstab, dem diese Kirche sich stellen muss: Allen Menschen wird in Jesus Christus Gottes Heil zuteil - wie heilsam wirkt es sich aus, wenn Menschen es in der Verkündigung und dem Leben der Kirche erfahren dürften. Priester sind Mittler der Botschaft Gottes. Durch Handauflegung und Gebet zum Dienst für die Menschen bestellt, begleiten sie die ihnen Anvertrauten, beten mit ihnen, feiern die Sakramente, verkünden die frohe Botschaft. Ich wünsche Dir, Marc-Anton, dass Du Dir Deine Liebe zu den Menschen bewahrst, eine Offenheit des Herzens, die Bereitschaft, mit Men-schen zu sprechen und v.a. hin zu hören auf das was sie bewegt, warum ihr Leben so verlaufen ist, wie es verlaufen ist und ihnen durch Wort und Tat vermitteln kannst, wie sehr sie geliebt und ge-tragen sind. Dass sie deshalb in der Kirche ihren Platz haben und das deshalb in der Kirche viel mehr möglich ist, viel mehr ermöglicht werden kann, als es ein allein auf das Recht ausgerichteter Blick vermitteln könnte. So wird „Kirche" in einer immer mehr verrechtlichten und verordneten Gesellschaft zu einer Oase des Lebens.
  • Ein zweites: „für diese frohe Botschaft war er, Paulus, bereit, bis an die - geographischen wie physischen - Grenzen zu gehen und er ist an die Grenzen gegangen, hat versucht, bestehende Grenzen zu überwinden und Brücken unter den Menschen zu bauen". Paulus tritt für diese Botschaft ein - er verkündet gelegen oder ungelegen, wird angefeindet, muss einiges erleiden - auch in den eigenen Reihen. Priester stehen nicht selten allein da, werden nicht selten unbarmherzig kritisch gesehen oder beurteilt, weil Menschen ihn anders haben möchten, als er ist. Paulus wusste sich von Christus in Dienst genommen - und aus diesem Bewusstsein, aus dieser Gewissheit konnte er seine Berufung leben, sich selber treu bleiben, das ein oder andere tragen und ertragen, seine Lebenskraft investieren, weil er überzeugt war, dass Christus in ihm lebte, dass er mit den Augen Christi das Leben sehen konnte und seine Gemeinden mit den Konflikten und Problemen, die bis heute so menschentypisch sind: üble Nachrede, Neid, Habsucht und Machtgehabe. In seinen Briefen können wir lesen, wie er versuchte, Brücken zu bauen, wie er versucht, sie zu erinnern: wenn ihr euch in eurem Glaubensbekenntnis auf Christus beruft, dann lasst in eurem Alltag deutlich werden, was euch prägt: vergebt, verzeiht, geht redlich miteinander um. 
    Marc-Anton, bleibe in der Nähe Christi. 
  • Es ist eine der größten Herausforderungen des Priesterlichen Lebens, diese Gradwanderung zu bestehen zwischen einer Allgegenwärtigkeit des Priesters, der immer da ist, um allen gerecht zu werden, den vielen Erwartungen zu entsprechen - und die eigenen Kräfte zu überschätzen –oder sich einseitig auf einen priesterlichen Bürokratismus zurück zu ziehen. Du stehst für einen anderen! Für Christus! Bleibst Du in seiner Nähe, dann wirst Du auch den Menschen nahe sein können, Brücken bauen können. Dann wirst Du viel arbeiten - aber die Freude an Deiner Berufung behalten. Dann wirst Du - mit den Jahren - spüren, was wirklich wichtig ist und Dich mit aller Kraft dafür einsetzen - und anderes freundlich aber bestimmt auch delegieren lernen - ich arbeite immer noch daran! Dann wirst Du mit Enttäuschungen und Verletzungen, von denen auch ein Priester nicht verschont bleibt, umgehen lernen können. Dann wirst Du dankbar die Unterstützung annehmen, die Dir von vielen wohlgesinnten Menschen angeboten wird: Denn ohne Menschen, die für uns beten, wenn wir nicht weiter wissen, ohne Menschen, die uns Mut machen und helfen, Niederlagen, Unvermögen und Hilflosigkeit zu verkraften, können wir unseren Auftrag nicht erfüllen, denn wie alle Menschen sind wir angewiesen auf einander, um unsere Berufung zu leben und unsere Aufgaben zu erfüllen.
  • Ein dritter Gedanke und Wunsch: Erzbischof Zollitsch schreibt: Paulus konnte das Evangelium von der unverdienten Liebe Gottes in unterschiedliche Lebensräume hinein zu übersetzen, ... indem er seine Hörer am Wort Gottes und seinem Leben teilhaben ließ." Ein anderer Theologe fasst es im Blick auf das Paulusjahr so: „Paulus steht für einen aufgeklärten Glauben, der seine Gründe kennt, und für den eine heiße Liebe zu Gott, die mit der Liebe zum Nächsten zusammengehört." Ich glaube, dass dies gerade heute ein besonderer Auftrag ist, den Rahmen der Selbstverständlichkeit zu überwinden, zu wissen wovon der christliche Glaube spricht und wofür er steht - in seiner Spiritualität und in dem sozialen Ansatz, der aus der bedingungslosen Liebe Gottes heraus eine Vision von Leben und Gesellschaft entwickelt, von deren Erfüllung wir noch weit entfernt sind. Paulus steht dafür - er vertraut darauf, dass das, was so „utopisch" scheint, eine realistische Möglichkeit darstellt, Leben zu gestalten - und er kann es in die Sprache der Menschen übersetzen, weil er mit ihnen lebt und sie an seinem Leben teilhaben lässt. Ich wünsche Dir, lieber Mitbruder Marc-Anton, dass Du aus einer solchen Haltung heraus Deinen priesterlichen Dienst gestalten kannst, für die Großen und die Kleinen, die Jungen und die Alten, die Sympathischen und die Unsympathischen, für die Nörgler, die Kritiker und die Unzufriedenen für die Glücklichen und für die, die es gut meinen - schlicht für die Menschen, die sich Dir als Priester anvertrauen, weil sie erwarten, in Deiner Nähe auf einen anderen zu stoßen, auf Gott, der in Jesus von Nazareth Mensch wurde, damit die Hoffnung auf Leben über den Tod hinaus nicht verlöscht.

 

Lieber Marc-Anton,
wir freuen uns, dass Du Deine Berufung gefunden hast und ihr folgst.
Wir sind dankbar allen, die Dich als Mensch wertgeschätzt und immer wieder begleitet haben, vor allem Deinen Eltern und Deiner Familie, Freunden und allen, die für Dich gebetet haben und weiter beten werden: denn Priester wird man nicht aus sich selber, sondern immer durch andere.

Paulus ist nicht in die Geschichte eingegangen, weil er ein leicht zu nehmender Charakter gewesen wäre - das sicherlich nicht - er ist ein Fels in der Brandung des Lebens, weil er auf Christus gebaut hat, dem er sich anvertraut hat.
Geh Deinen Weg und sei Du selbst - nimm guten Rat an - aber vertrau auf die Stimme Deines Herzens, mögest Du darin immer die Liebe Deines Gottes erkennen, die „schön ist, viel köstlicher als Wein.", dann wirst Du zum Segen werden für viele. Amen.

 

 
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