Guardini-Predigt: „… die größte Freud‘ ist doch die Zufriedenheit!“

Offenkundig, geradezu schreiend ist die Spannung, der Widerspruch zwischen den heutigen Texten und dem Leitthema des 9.Gebots: du sollst nicht begehren deines nächsten Frau. Da dachte ich, ich könnte eben diesem Widerstreit, der kaum lösbaren Aporie der Religion wie der Wirklichkeit nachgehen, dem Unlösbar und fruchtbar Tragischen in alldem auf womöglich  heitere Weise Raum geben.

Die Texte vibrieren von dem Konflikt im Herzen der Religion: da stoßen wir auf die prophetische Religion des Jeremia und Christi, eines struppigen Gottes, der verstörend einbricht ins Denken, in die Politik, die übliche Religion, der unsere geschlossenen Systeme unterbricht und unterläuft. Exil, Wüste, Umkehr, Aufbruch, der neue Mensch der Freiheit und Gleichheit, das sind die Stich- und Losungsworte. Daneben die unerlässlich verlässliche Religion der Priester, von Ritus, Dogma und Moral, der Garantie von Ordnung in Raum und Zeit, eines gegenseitigen Bundes-, ja Besitzverhältnisses. Das erste ist voller abenteuerlicher Verheißung, aber kaum auf Dauer lebbar, das zweite oft anmaßend und bieder, wie Fontane den alten Stechlin sagen lässt: „Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner mehr gestanden, und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat, das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles sehr diesseitig geblieben: du sollst und noch öfter ‚du sollst nicht‘. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger Schultheiß gesprochen hätte.“

Da sind wir schon bei unserem Motiv: du sollst nicht begehren. Aber was wären wir ohne Begehren? Da fehlte doch das Salz in der Suppe des Lebensturniers: Entdeckerfreude, Reiz der Überschreitung, Abenteuerlust, Rivalität, Steigerung, Unruhe zu Gott hin. Und Gott, der andere, gar die Frau, die sind doch nie Besitz, gar Trophäe. Freilich: wieviel wird da auch zerstört, versehrt, wie viel an menschlicher Ordnung porös gemacht. Der Mensch lebt auch hier davon, dass er vor sich selbst geschützt wird, durch die Vorgaben und Gebote von Rücksicht und Anstand. Wiederum seltsam: Religion spricht von beidem, vom guten Begehren, meint aber auch, man hätte das Übergriffige und Gewaltsame an ihm nicht nötig.

Dieselbe Aporie in der heutigen Gesellschaft: wir alle wollen restlos Freiheit, Spontaneität und Sicherheit, gastfreie Aufgeschlossenheit für andere Kulturen, das Fremde und die Gewähr unserer Standards. Alle wollen die Ehe, zugleich löst sie sich immer mehr ins Freie, Patchworkartige auf. Und die Parteien: da gibt es stets die aufrührerische, idealistische Seele, die den Aufstand gegen die Wirklichkeit probt, rechts wie links – und die staatstragende, die weiß, dass Politik zu 90 Prozent Aporien- und Notstandsverwaltung ist. In allen Parteien gibt es diese fruchtbare und zerreißende Spannung, an den Rändern wird sie ins Extreme aufgelöst.

Da ist es an der Zeit in die Schlusskurve zu kommen, die eines nicht selbstzufriedenen Lobs der Zufriedenheit, des Lebbaren, eben der heiteren Widerspruchseinhegung, die um alle diese Polaritäten weiß und sich im Spiele hält. Die Anerkennung des Wirklichen: das Wesentliche ist ja schon da, ich, du, Sprache, Leib, Seele, tausende Dinge, die mein Leben ausmachen. Die Religion erinnert das in poetischen Bildern: die Vögel des Himmels, die Lilien auf dem Felde, die Königin von Saba, die Haare auf dem Kopf, gar alle gezählt. Ein humorvoll, mal mutiges, unbefangenes, mal melancholisches, mal begehrendes Einverstandensein mit der Endlichkeit, wohl wissend, dass vieles noch aussteht und herandrängt. In den Widersprüchen aufatmen und das mir Entsprechende tun … Den Rest Gott anheimstellen, dem fremden, der doch unser Leben leiden mag, es lebbar und liebenswürdig sein lässt. Wie es im Tagesgebet heißt: „Deinen heiligen Namen, Herr, lass uns fürchten und lieben, beides zugleich und für immer. Denn nie fehlt Dein freies Geleit denen, die du in den Grund deiner Liebe stellst.“

Oder Fontane: „Die märkischen Schlösser, wenn nicht ausschließlich feste Burgen altlutherischer Konfession,haben den Glauben und den Unglauben in ihren Mauern gesehen; straffe Kirchlichkeit und laxe Freigeisterei … Nur Schloss Tegel (Humboldt) hat ein Drittes in seinen Mauern beherbergt, jenen Geist, der gleich weit entfernt von Orthodoxie und Frivolität, … lächelnd über die Kämpfe und Befehdungen beider Extreme, des Diesseits genießt und auf das rätselhafte Jenseits hofft.“

von P. Elmar Salmann OSB

2017-07-02T17:46:11+00:00