Predigt: Pfr. Thomas Pfeifroth | 29. November 2020

Es überfiel die Pest mit ihrem Sturm und Wüten die Stadt wie ein […] Ungewitter; ließ bald kein Haus unbeschädigt; brach endlich auch zu meiner Wohnung hinein und gingen die Leut meistenteils mit verzagtem Gemüt und erschrockenem Herzen als erstarret und halb tot daher […]. In solchem Jammer und Elend als es hier zu Unna in allen Gassen rumorte und oftmals etliche Tage aneinander über die […] 30 Toten nicht weit von meiner Wohnung auf dem Kirchhof unter die Erden verscharret worden, hab ich mit Todts-Gedanken mich immer schlagen müssen […].

Von einem solchen Schreckensszenario, wie es der gerade zitierte Philipp Nicolai 1598 in Unna erlebt, sind wir hier in Berlin im Jahre 2020 weit entfernt, doch auch unser Gemüt verzagt und erschrickt angesichts der Corona-Pandemie. Viele schwanken zwischen Hysterie, Angst, Frustration und Aggression. Nicht wenige versuchen, ihre Angst vor der immer komplizierter werdenden Welt mit einfachen Verschwörungstheorien zu bewältigen.

Philipp Nicolai, der in seiner Stadt allein im Jahr 1598 1400 Opfer zu beklagen hatte, war lutherischer Pfarrer. Noch unmittelbar vor der Pest führte er im damaligen Konfessionsstreit einen leidenschaftlichen und aufreibenden Zweifrontenkrieg gegen Katholiken auf der einen und Calvinisten auf der anderen Seite. Er schreibt Streitschrift auf Streitschrift, so wie heute manche ihre Salven auf Twitter abfeuern. Die Katholiken vertreiben ihn mit körperlicher Gewalt von seiner Pfarrstelle in Herdecke, die Calvinisten vereiteln mit subtiler Intrige die Erlangung seines Doktortitels an der Universität Marburg.

Doch die Pest verändert alles. Die Pest lässt ihn zum Poeten werden.

In den Monaten der grassierenden Seuche fehlt Nikolai der Sinn für solch Gezänk um den rechten Glauben. Sein Sinnen richtet sich vom Diesseits auf das Jenseits.

Er schreibt ein Trostbuch in trostloser Zeit. Darin sind hymnisch-preisende Meditationen über die Pracht, Freude und Herrlichkeit des zukünftigen Lebens. Im Jenseits herrscht, so Nikolai im Trostbuch: ein Leben der inbrünstig-reinen Liebe, ein recht hochzeitliches Leben, ein Leben der süßen und himmlischen Wollust […] so ist ein Paradies, so ein Freudensaal, so eine Stadt Gottes, so ein Land der Lebendigen und eine […] Hochzeit.

Das Trostbuch enthält vier Lieder, eines davon ist das Lied: Wachet auf, ruft uns die Stimme, das ich mit Ihnen heute genauer anschauen möchte.

„Wachet auf“, ruft uns die Stimme

Es ist ja, liebe Geschwister in Christus, eine alte Weisheit: Dinge, die man vermisst, schätzt man umso mehr. Wir verhüllen Bilder in der Fastenzeit, um sie nach der Enthüllung neu zu entdecken. In Zeiten von Corona singen wir nicht in der Kirche, umso mehr wird uns durch diese Situation der Wert von Lied, Poesie und Gesang bewusst. Für die Advents- und Weihnachtszeit haben wir uns im Pastoralteam überlegt, zumindest ein Lied nach dem Gottesdienst im Freien auf dem Platz zu singen. Sie sind dazu herzlich eingeladen.

Doch hören wir nun die erste Strophe:

  1. „Wachet auf“, ruft uns die Stimme
    der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
    „wach auf, du Stadt Jerusalem.“
    Mitternacht heißt diese Stunde;
    sie rufen uns mit hellem Munde:
    „Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
    Wohl auf, der Bräutgam kommt,
    steht auf, die Lampen nehmt. Halleluja.
    Macht euch bereit zu der Hochzeit,
    ihr müsset ihm entgegengehen.“

Wie im Trostbuch insgesamt werden auch hier biblische Bilder neu kombiniert und kreativ ausgemalt. Deutlich wird dies schon in der ersten Strophe: Ihr Zentrum bildet das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, jene Geschichte also, die von den zehn Brautjungfern erzählt, die lange auf den sich verspätenden Bräutigam warten müssen und darüber einschlafen. Mitten in der Nacht hört man schließlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Jetzt zeigt sich, dass nur fünf der Mädchen, die klugen, Öl für ihre Lampen bereithalten, ihre Lichter deshalb entzünden und den Bräutigam zur Hochzeit geleiten können. Die anderen fünf, die törichten, müssen sich das Öl erst beim Krämer besorgen, kommen zu spät und finden die Tür zum Hochzeitssaal verschlossen.

Den Weckruf legt Nikolai nun aber den Wächtern aus dem Buch Jesaja in den Mund, die das Kommen Gottes und seine Vermählung mit der Stadt Jerusalem ankündigen sollen. Jesaja schreibt: Wer wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich. Auf deine Mauern, Jerusalem, stelle ich Wächter. Wach auf, Zion, wach auf. … Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt.

Zion hört die Wächter singen

Philipp Nicolai geht es nicht wie beim Gleichnis um Buße, beziehungsweise Vorbereitet-Sein in Erwartung des Bräutigams. Er konzentriert die Aufmerksamkeit einzig auf den Augenblick des Kommens des Bräutigams und auf die Reaktionen, die dieses freudige Ereignis auf die sehnsüchtig Wartenden haben soll. Von Buße, Ausschluss, Gericht oder Scheitern ist mit keiner Silbe die Rede; es gibt im Lied nur kluge Jungfrauen.

  1. Zion hört die Waechter singen,
    das Herz tut ihr vor Freude springen,
    sie wachet und steht eilend auf.
    Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
    von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;
    ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
    „Nun komm, du werte Kron,
    Herr Jesu, Gottes Sohn. Hosianna.
    Wir folgen all zum Freudensaal und
    halten mit das Abendmahl.“

Die 2. Strophe führt die Aufeinander-zu-Bewegung der 1. Strophe fort. Unter der Hand verwandeln sich jedoch die Brautjungfern in die Braut selbst: Zion, ursprünglich der Berg des Jerusalemer Tempels, ist schon bei Jesaja die Vermählte Gottes, die Jungfrau, die Braut. Durch diese Verschiebung gelingt es Nicolai, eine hochzeitliche Zweierbeziehung zu schildern in deren Intimität sich jeder einzelne, also auch wir, wiederfinden können.

Ist diese Liebeslyrik nicht Balsam für unsere spröde, verängstigte und verunsicherte Seele?

Gloria sei Dir gesungen

Der Höhepunkt der Begegnung ist das Abendmahl, im Lied als Schnittpunkt zwischen dem Jungfrauen-Gleichnis und dem Gloria der dritten Strophe. Wenn wir in der Hl. Messe Eucharistie feiern, so ist dieses Abendmahl auch ein Ausblick auf diese himmlische Zukunft. Denn Jesus sagt im Lukasevangelium beim letzten Abendmahl: Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamal zu feiern. Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis es seine Erfüllung findet im Reich Gottes. […] Darum vermache ich euch das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat: Ihr sollt in meinem Reich mit mir an einem Tisch essen und trinken.

  1. Gloria sei dir gesungen
    mit Menschen- und mit Engelzungen,
    mit Harfen und mit Zimbeln schön.
    Von zwölf Perlen sind die Tore
    an deiner Stadt; wir stehn im Chore
    der Engel hoch um deinen Thron.
    Kein Aug hat je gespürt,
    kein Ohr hat mehr gehört solche Freude.
    Des jauchzen wir und singen dir
    das Halleluja für und für.

Die ganze Atmosphäre der Schlussstrophe ist durch die Vision der Offenbarung des Johannes über den immerwährenden Lobpreis bestimmt, den die Engel allezeit vor Gottes Thron erklingen lassen. Dort heißt es: Und ich sah und hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron []: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehr und Preis – also Gloria […] von Ewigkeit zu Ewigkeit.

In diesen himmlischen Lobpreis stimmen auch die Menschen mit ein. Die unsagbare Unbeschreiblichkeit dieser himmlischen Liturgie ist mit den Worten aus dem Brief an die Korinther angedeutet: Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinen Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet, die ihn lieben.

Die Freuden des Himmels übersteigen alle Bilder und jegliche Sprache. Was zu sagen ist, lässt sich höchstens noch in der Sphäre der Musik ausdrücken.

Kongenial zum Text des Liedes ist deshalb die Melodie. Der Beginn ist wie mit einem Bläsersignal markiert: Wachet auf. Die Spitzentöne treffen auf die Silben hoch auf der Zinne – wobei neben der Höhe auch das Zickzack der Zinnen dargestellt scheint; in der 2. Strophe ist an diesen Stellen von dem freudig springenden Herzen und dem Freudensaal die Rede (das Herz tut ihr vor Freude springen / zum Freudensaal). Das stufenweise Abwärtsschreiten der Phrase der Bräutigam kommt findet seine Umkehrung in dem Aufwärtsgang bei macht euch bereit – ein musikalisches Signal für das Aufeinander-Zukommen von Braut und Bräutigam.

Liebe Schwestern und Brüder, es rührt mich an, wie Philipp Nicolai Ende des 16. Jahrhunderts mit der Pest umgegangen ist. Er kannte in ungebrochener Glaubensgewissheit nur kluge Jungfrauen und glückliche Bräute.

Dieses adventliche Lied ist auch eine Anfrage an unseren eigenen Glauben angesichts der Corona-Pandemie. Philipp Nicolai kannte auch die Verzagtheit des Herzens. Doch – er wollte auch mitten von Pest und Tod ein Liebeslied zwischen Gott und Mensch singen. Amen.